Tagung 2006 Zusammenfassung der Tagung als pdf Liebe Freunde und Freundinnen, liebe Mitglieder unserer Gesellschaft, für das Jahr 2007 wünsche ich Ihnen allen im Namen des Vorstandes, der Wissenschaftlichen Leitung und der Geschäftsleitung gute Erfahrungen und Sie erfüllende Erlebnisse. Ich möchte Ihnen herzlich danken: durch Ihr Interesse und Ihr Mittragen kann unsere Gesellschaft die Lebendigkeit und die gute Atmosphäre haben, die immer wieder vermerkt wird. Besonders danken möchte ich all jenen, die aktiv die Tagung mitgestaltet haben. Unsere letztjährige Herbsttagung zum Thema ÜBER DIE SINNE ZUM SINN Zur therapeutischen Relevanz von Sinnlichkeit hat mit rund 720 TeilnehmerInnen wieder großes Interesse und Anklang gefunden. Zum ersten Mal an einer Tagung der IGT teilgenommen haben 113 TeilnehmerInnen. Das freut uns sehr, zeigt das doch, dass es uns immer wieder gelingt, neu Menschen anzusprechen. Das Thema der Tagung schaffte Atmosphäre. Es war eine etwas andere Perspektive, die dieses Mal eingenommen wurde – die lustvolle Bewegung von der Außenwelt zur Innenwelt; von den Sinnen über die Sinnlichkeit zum Sinn und wieder hin zu den Sinnen. Es war eine Tagung, bei der die Kreativität eine große Rolle spielte, und wir wurden neu auf die Sinne sensibilisiert. Dank der Interdisziplinarität, die das Besondere unserer Gesellschaft ausmacht, können unsere Themen aus den verschiedensten Blickrichtungen bedacht und dargestellt werden, so dass auch immer wieder Überraschendes ins Blickfeld gerät. Ein großer Reichtum an Erfahrungen, Gedanken, Ideen wurde an dieser Tagung miteinander geteilt, nicht zuletzt auch in den vielfältigen Angeboten am Nachmittag, wo die meisten etwas finden konnten, was ihren Bedürfnissen entsprach. Wir freuen uns darauf, viele von Ihnen auf der nächsten Tagung vom 28. Okt. – 1. Nov. 2007 mit dem Thema FREIHEIT UND SCHICKSAL Vom therapeutischen Umgang mit Zeit – und Lebensgeschichte In Lindau wieder zu sehen. Ihre Verena Kast
Über die Sinne zum Sinn Zur therapeutischen Relevanz von Sinnlichkeit Das Tagungsthema 2006 schien bereits Programm. Es sollte zumindest aufmerksam machen auf die wunderbare Fähigkeit, die uns umgebende Welt mit den Augen, mit dem Tastsinn, dem Gehör, durch den Geruchs- und den Geschmackssinn wahrzunehmen. Im Gegensatz zur Sinnenhaftigkeit war Sinnlichkeit mit ihrer erotisch-sexuellen Komponente während Jahrhunderten verpönt gewesen. Verschämt hatte sie sich in den Untergrund verkrochen. Auch diese Diskrepanz mag dazu beigetragen haben, dass Medizin, Philosophie, Theologie, Therapie und Seelsorge lange Zeit das Zusammenspiel der menschlichen Sinne kaum beachtet, sich auf bloße Organ-Reparaturmechanismen konzentriert, die Sinne verdächtigt und den „Geschmack am guten Leben" (Ingrid Riedel) kaum gekostet haben. Die Sinnesorgane jedenfalls können Tore zu den verschiedenen Schwingungsebenen des Lebens sein und die einzelnen Sinne stehen in Resonanz zu entsprechenden inneren Organen und Organsystemen. Sinnesorgane sind wie Fenster in unserem Leib. Aber wo alle Sinne belebt sind, so bemerkte bereits Verena Kast in ihren Eingangsworten, da frage man nicht nach Sinn. Erst wenn etwas fehlt, beginnt man zu suchen. Dann erst, so könnte man sagen, verknüpft unser Gehirn, was aus den Sinnen kommt zum Sinn. Man darf freilich nicht verschweigen, dass das Thema just auf die Tagesordnung gekommen ist, als wir gemerkt haben, dass unsere Sinne uns auch verlassen können, dass sie „enteignet" werden und manchmal kaum brauchbar sind, wenn zum Beispiel Strahlengefahr droht. Moderne Technologie neigt überdies zu erfahrungsarmem Wissen und zur Vernachlässigung der Intelligenz unserer Sinne. So begann Ingrid Riedel (Konstanz) in ihrem Eröffnungsvortrag „Das Leben schmecken – von der therapeutischen Relevanz der Sinneserfahrung" ebenfalls mit der Wahrnehmung: Man fragt erst dann nach Sinn, „wenn nichts mehr schmeckt". Darum habe Viktor Frankl die Sinnfrage in den Mittelpunkt seiner Therapie gestellt und darum habe C. G. Jung bereits die Neurose eine Krankheit genannt, „die ihren Sinn nicht gefunden hat". Der früheste Weg von den Sinnen zum Sinn geschehe bereits in der Beziehung von der Mutter (Vater, Geschwistern) zum kleinen Kind, indem es Berührtwerden und Berühren erlebt. Beim Streicheln zum Beispiel würden Bindungshormone produziert. Dies sei eine erste ursprüngliche Sinnerfahrung, eine fraglose Zugehörigkeit zu Beziehungspersonen, bei denen es gut ist zu sein. Zum Tasten kämen Schmecken und Riechen hinzu. An der Brust der Mutter entstehe über Schmecken und Duft eine weitere Bindung. Deswegen könne auch Homer von Demeters „duftender Brust" sprechen. Oder mit Gabriele Mistral (1889 – 1957) „Wenn Du mich anblickst, werd ich schön". In einem zweiten Teil ging die Referentin näher auf die therapeutische Wirkung von Sinnlichkeit ein. So habe C. G. Jung einst eine schlaflose Patientin unkonventionell dadurch wieder zum Schlaf verholfen, dass er in der Therapie zu singen begann, ein Wiegenlied, eine Art Cantotherapie, die jede Mutter genau kennt. Am Beispiel eines Traumes demonstrierte Ingrid Riedel dann, wie auch bei traumatischem Erleben Wege zu finden sind, nicht in die Retraumatisierung zurückführen, weil sie auf Musik, auf Duft und Geruch (Alzheimerpatienten, an deren Bett man kocht) und Farben rekurrieren, die zum Beispiel das autobiographische Gedächtnis anregen. Der „Geschmack am Leben" also hänge zusammen mit Schmecken,Tasten, Berühren „hier", so Ingrid Riedel, vor allem in der Liebesbegegnung, „feiert der Hautsinn seine höchsten Feste". Es gebe dann ein Leben ohne „Warum", wo man lebt, weil man lebt. Das trage den Sinn in sich selbst. Ina Rösing (Ulm) gab dem Eingangsreferat eine fremdkulturelle Resonanz, die sie bei der indianischen Kultur der Anden erforscht hat. In ihrem Vortrag „Therapie durch die Sinne. Heilungsrituale im interkulturellen Kontext" erweiterte sie das Tagungsthema um eine transkulturelle Perspektive aus der Anden-Kultur. Sie beschriebRituale zur Herstellung guter Zustände (Gesundheit, Wohlsein, Wohlstand, Versöhnung), zur Eindämmung feindlicher Kräfte, zur Verbannung von die Seele verunreinigenden Kräften, und zur „Rufung der kleinen Seele". Alle Rituale setzen auf vielfältige Weise die gesamten Sinne ein, so dass das Heilungsgeschehen gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt, gespürt wird. Es ist eine Heilungsweise, die auf Evokation und Austausch von Symbolen basiert, um Heilung zu erzielen. Ina Rösing hat die transkulturell gültigen Bedingungen vorgestellt, welche Heilwirksamkeit fördern: Heilungszielbezogenheit der Symbole, Zusammenhang der Symbole auf allen Sinnebenen, aber auch eine Vielzahl weiterer Bedingungen, die erst im transkulturellen Vergleich Kontext deutlich werden, z.B. die Legitimität der Krankheit, kulturspezifische Ressourcen der Heilung und „Misserfolgskausalität". Man brauche immer „Gründe" um das Geschehen akzeptieren zu können, das gelte auch für Misserfolge bei der Heilung. Zum Beispiel habe man dann nicht richtig geopfert, nicht alles bedacht, das eigene Herz nicht ganz geöffnet. Aber man könne auch fragen, ob Scheitern der Heilung nicht einen Sinn in sich selbst habe. Bedingungen für die Heilung sei der Druck des eigenen Leidens, Hoffnung auf Heilung, Erschöpfung (erst mache die Seele wieder resonanzfähig!), Wiederholung und Zuwendung. Sie alle verstärken die Wirkung symbolischer Heilung durch die Sinne in Richtung auf heilenden Sinn. Rudolf Prinz zur Lippe (Berlin) wollte mit seinem künstlerischphilosophischem Vortrag „Die Kunst der Wahrnehmung – Vom Sinnen-Bewusstsein" kulturkritisch zur Wiederentdeckung des Leibes (mit seinen Sinnen) für die westliche Zivilisation beitragen. Inzwischen allerdings seien Leib und Sinne in aller Munde. Deswegen brauche es nicht einfach „Sinnenbewusstsein", sondern zum Bewusstsein der Sinne komme alles, was die Sinne formt und stärkt. Dazu gehöre ein kritisches Bewusstsein dafür, wie rasch dies in der Gegenwart auch missbräuchlich benutzt werden kann. Im Rückblick auf abendländische Philosophiegeschichte erwähnte der Referent Platons skeptisches Verhältnis zu Leib und Sinnen. Auch Sokrates habe gewarnt vor den Sinnestäuschungen. Die Trennung von Leib und Seele sei also „europäisches Erbe". Aber diese Trennung habe große Vorteile gehabt, denn man konnte nun alles „in Strategien des Erfassens, Feststellens und Messens bringen". Wandel und Bewegung seien nur als Bewegung von A nach B in den Blick gekommen. Das „Dazwischen" sei übersehen. Man habe lieber „Standpunkte" verglichen, als lebendige Bewegung wahrgenommen. Unsere Sinne seien jedoch keine Messinstrumente, sondern Organe des In-Beziehung-Setzens. „Leben" also sei Resonanz. Im Sinne des Bewegungssinns sei Leben der Vorgang des Antwortens und Rückantwortens. Wir bräuchten, so der Referent, „eine erotische Beziehung zur Welt, eine wahrnehmende sinnenhafte Resonanz". Unsere Kultur jedoch habe diese Dialog- und Kontextverhältnisse in Hierarchien umgewandelt. Das bedeute, dass unsere Sinne des In-Beziehung-Setzens sich abgelöst hätten zugunsten von Kontrolle. Es gehe aber, auch in der therapeutischen Existenz, darum die „Sicherheit des Urteils aufzugeben zugunsten der Freiheit der Bewegung". Sie ereigne sich im „Zwischen". Die Wahrnehmung dieses „Zwischen" erfordere „wohltätige Askese", was nicht Kontrolle, sondern einfach „sinnhaftes Üben" meint. Wie, so fragte Hildegunde Wöller (Stuttgart), kommt ein so „rauschender Gesang auf die Liebe" wie das Hohe Lied der Liebe in die Bibel? Wie gestaltet sich das Verhältnis von Erotik und Religion? Die Auslegungsgeschichte habe die allegorische Deutung bevorzugt,dann war „Gott" der „Bräutigam" und das „Volk Israel" die „Braut" des Textes, auch die christliche Kirche habe die allegorische Deutung auf Christus und die Kirche übertragen. Aber die neuere Forschung (Hartmut Schmökel) habe herausgefunden, dass es sich um ein syrisches, sumerisches und ägyptisches Kultritual handle, dass unter Anlehnung an den Vegetationszyklus die „Heilige Hochzeit" zum mythischen Hintergrund hat. Es sei eine „Religion der Schöpfungswonne". Darin erwähle die Göttin den Jünglingsgeliebten, töte ihn und trauere um ihn. Hintergrund des Hohen Liedes sei dies Kultritual. Man könne es lesen wie eine Art Operninszenierung. Dann würden in diesem Text Eros und Religion freimütig aufeinander bezogen. Erotik sei, so Wöller mit Hans Jellouschek, wichtigste Quelle von Sinn. Menschen, so ihre These, können in der Erotik religiös oder ganzwerden. Denn die heutige Gesellschaft richte ihre Sinnsuche nicht mehr auf das Jenseits, sondern sie richte ihre Erlösungswünsche an den Partner. Das sei und bleibe eine Überforderung, denn unser Sehnsuchtspotential sei in keiner Paarbeziehung unterzubringen. Ken Wilbers Vision einer kosmischen Spiritualität, wo sich Transpersonales und Personales ergänzen und gegenseitig befruchten, käme heute vielleicht zu spät, weil wir „ganz von Sinnen"seien. Aber vielleicht seien Religion und Erotik doch ein wildes unzertrennliches Paar. Wie heftig sie miteinander streiten und sich gegenseitig verwünschen mögen, keine hält es lang ohne die andere Seite aus. Stirbt die Erotik, verdorrt die Religion zum abstrakten System, stirbt die Religion, so verkümmert die Erotik zum geistlosen Sex. Über „Sinnlichkeit und Sinn im Kino" sprach Hinderk Emrich (Hannover) mit dem Filmemacher Edgar Reitz (München), bekannt durch seine „Heimat-Trilogie". Reitz habe, so Emrich, „Heimat" zum Thema gemacht, nicht in jenem idyllischen Sinn eines Heimatfilms, sondern Heimat bedeute für Reitz Geschichten zu erzählen, die sich auf „Heimatlichkeit" beziehen. Heimat sei für ihn magnetisch und anziehend" und zugleich schlage sie ihn „in die Flucht". Reitz selber begann mit einer Art „Berufungsgeschichte". Das Uhrmacherkind mit den hunderten von Uhren im Haus habe sich ständig an Zeitmessung erinnert. Er sei mit seinem Großvater als Kindan der benachbarten Dorfkirchenuhr vorüber gegangen. Und da habe gestanden: „Eine von diesen wird Deine sein". Diese Uhr also kenne die Todesstunde. Wie, so fortan seine Frage, kann man „Zeit" wahrnehmen, die man sonst doch nicht sieht. Der Kinoprojektor sei so eine Zeitmaschine, „Wir können damit das, was den Sinnen der Menschen verborgen ist, zum Geschichten erzählen benutzen". Künstlerische Arbeit, so Reitz, heiße, die fremde Welt über die Grenze der Sinne hinweg zu einem Bestandteil der menschlichen Innenwelt zu machen. Kunstwerke seien „Spiegelungen der Innenwelt auf die Außenwelt". Man mache Filme eigentlich „mit geschlossenen Augen". Aber es gehe bei seiner Arbeit nicht darum, sich einen Begriff von der Welt zu machen, nicht einmal moralische Kategorien wie „Gut" und „Böse" ließen" sich in künstlerischer Form formulieren. Die künstlerische Betrachtung bleibe beim Einzelfall, sie lasse „den Zuschauer auf der Erfahrungsebene zurück". Der hat dann die Aufgabe, durch Identifikation so etwas wie „Sinn" zu finden, indem er die sinnlichen Filmbilder ins eigene Leben „übersetzt". So habe zum Beispiel eine japanische Zuschauerin in der Hunsrücker Großmutter der Heimatfilme die Geschichte ihrer eigenen Großmutter wiedererkannt. Neben diesem Transfer zum eigenen Sinn gehe es auch um das Empfinden von „Schönheit". Eines der Ziele seiner Arbeit sei, so Reitz ungeschützt, „sich dem Schönen anzunähern". Sinn freilich sei weit mehr als ein Kunstwerk wollen kann. Aber vielleicht liege in unserer Fähigkeit, unser Leben und die Bilder aus den Geschichten neu zusammenzusetzen, zumindest eine „Sinnvermutung". Den Entwicklungsaufgaben im Alter galt der Vortrag von Andreas Kruse (Heidelberg). „Sinnlichkeit – Erotik – Sexualität und das Alter", so sein Vortragstitel, in dem er danach fragt, warum „Kreativität" in unserer Kultur nur mit Jugend verbunden sei. "Wenn nicht im Alter kreativ, wann dann"? fragte der Referent unter Beifall. Alter versteht er als ein „Werden zu sich selbst", weil wir eine „späte Freiheit" als Möglichkeit zur Kreativität hätten und gerade deswegen „über uns hinaus" kommen könnten. Gerade Erotik und Sexualität, so die These, könnten nicht gedacht werden, ohne einen unbefangenen Eindruck des Menschen von seinem Körper und ohne eine Verwirklichung der transzendentalen Seite im Menschen. Dabei gebe es dreierlei zu beachten. 1. Das Alter sei ohne körperliche Berührung nicht auszuhalten. Es nehme zum Beispiel die Intensität der Sexualität im Alter nicht ab, meinte der Referent zum doch manchmal so prekären Körperselbst der alten Menschen. Das Psychisch-Schöpferische sei 2. zu verbinden mit dem Spirituell-Metaphysischen und 3. sei zu beachten, dass Menschen immer in einer „Coram" Situation lebten, also sich zu verantworten hätten vor sich selbst, vor anderen und vor dem Kosmos oder Gott. Selbstverantwortung, Fremdverantwortung und Verantwortung vor dem Kosmos beförderten ein gelingendes Leben gerade im Alter und in der Altersexualität. Denn Menschen gingen nicht in einer „Rolle" oder „Funktion" auf, gerade im Alter nicht. Sie seien, mit Frankl, C. G. Jung und mit einer Ergänzung aus dem nachfolgenden Gespräch, arbeitende Wesen (homo faber), liebende Wesen(homo amans), leidende Wesen (homo patiens) und spielende Wesen (homo ludens). Es blieb die Frage, ob diese positive kreative Sicht auf Alter und Sexualität eine geschlechtsspezifische gewesen sei. Wie würde es eine weibliche Referentin sehen? Inspiriert durch die Lindauer Tagungen und ihre Interdisziplinarität hat sich die Traumatherapeutin und Ärztin Luise Reddemann (Kall) schon seit Längerem vorgenommen, auf Johann Sebastian Bachs Kantaten zu hören, um daraus mit ihren Patienten Selbstheilungskräfte zu entwickeln. Ihr Titel: „Hören als Sinnerfahrung: Sinn und Sinnlichkeit bei J. S. Bach". Ihre These: Über das Hören schmerzlicher wie lustvoller Sinnlichkeit in Bachs Kantaten könne sich beim Hören so etwas wie Harmonie (Sinn?) einstellen. Die Referentin setzte bei den Verlassenheitsworten der Matthäuspassion ein, um über Bachs biographisch traumatische Schmerzerfahrungen (Frühwaise, Verlust von sieben Kindern), aber eben auch über seine Sehnsucht und schließlich über seine Sinnenlust zu sprechen. Die Hirnforschung (Hüther) bestätige, dass das Hören von (subjektiv) angenehmer Musik durch aktives Musizieren oder freies Singen, im Gehirn eine Art von Harmonisierung und ein Verklingen der Angst bewirkt. Diese heilsamen Effekte seien auf allen Gefühlsebenen um so nachhaltiger, je länger sie bei der betreffenden Person nachklingen. (Das gelte auch für Alzheimerpatienten, die die Aufgaben des Tages besser bewältigen konnten, wenn ihnen diese vorgesungen wurden). Warum also kann Hören von Bach Sinnerfahrung sein? Mit dem von der Referentin zitierten Komponisten Hans Werner Henze: "Im Weinen und Greinen der Oboe d´amore und der Schalmeien erkennen wir unser eigenes Weinen und Greinen wieder, als wir Kinder waren und später auch noch hat es in uns so getönt, wenn wir hungrig waren und uns so fror in den grauen nördlichen Kirchenschiffen, wo die Lust und die Qual der Sünden und der Sünder durch die Toccaten und die Choräle hindurch unserer Psyche sich offenbarte…die Musik vergibt uns armen Teufeln, sie verspricht uns neue Lust, sie weint für uns mit allen Seelen". Der sinnenfrohe und vergnügte Bach habe nicht nur etwas „über die Liebe zu Gott", sondern eben auch über die irdische Liebe und die Sinnenfreude gewusst (Kaffeekantate). Er habe gern Wein getrunken und gut gegessen. Er habe, so die Referentin, „das Tier in uns geliebt". Indem Bach also Sinnliches und Übersinnliches, Weltliches und Geistliches als Einheit angesehen habe, sei er Zeitgenosse. Die Vereinigung der Gegensätze in der heiligen Hochzeit als Ereignis im Menschen selbst, vollziehe in der Musik den„Schritt vom Ich zum Selbst". Am Beispiel dreier sinnlicher (biblischer) und symbolhafter Gärtenversuchte Wolfgang Teichert (Hamburg) in seinem Vortrag „Gärten – Bilder der Sinnlichkeit zwischen Natur und Kultur" mögliche Spuren von Sinn in „Trauer", „Erotik" und im „Anfangen Können" zu finden. Der Friedhofsgarten, der unsere menschlichen Städte wie ein Ring umgibt, weise Trauer als räumliches Leiden aus. Teicherts These: „Trauer ist der Kompromiss zwischen dem Kummer über die endgültige Entfernung zu den Verstorbenen und dem Wunsch, sie in einer anderen Form von Nähe da zu behalten". Der Referent setzte sich damit deutlich vom Begriff „Trauerarbeit" ab. Er sei zu ambivalent, besonders für Trauernde, weil er suggeriert: Irgendwann sei die „Arbeit" zu Ende. Aber Trauer um einen unersetzbaren Anderen, etwa um ein geliebtes Kind, so der Referent, sei der bleibend untröstliche „Versuch, sich irgendwie zu exzessiver Verletzung durch Verlust zu verhalten." Man könne trauern, ohne die Realität des Todes zu verleugnen und ohne nur narzisstisch-melancholisch ins Selbstmitleid zu versinken. Es gehe in diesem Todesgarten wie auch im (nächsten) Garten der Liebe um Schutz und Zeit. Im Hohelied der Liebe werde ein für Frau und Mann verschiedener Weg hin zur Vereinigung (Conjunctio) gezeichnet, eine Liebeskunst, die die Beteiligten nicht überfordert und gleichwohl rituell zu begleiten vermag. Und schließlich halte – drittens - der Anfangsgarten der Bibel die Möglichkeit offen, selber neue Anfänge zu setzen. Da dieser Garten zu „pflegen und zu bewahren" sei, wie es im Genesistext heißt, lege sich für die Therapie ein Transfer nahe: Therapie als „pflegen" und „bewahren", als Hilfe zu neuen Anfängen, als Konzentration auf die Möglichkeit, immer wieder neu zur Welt zu kommen, als Hilfe zur Natalität. Das wäre Sinn von Therapie. Zu „Sinnenlust und Sinnenfrust – Vom Sinnlichen zum Übersinnlichen – Vom Spannungsbogen religiösen Denkens und Handelns" sprach Gerhard Marcel Martin (Marburg). Er betonte nicht Sinn oder Sinnlichkeit, sondern die andere Seite von Sinn und Sinnlichkeit. So provozierte der Theologe sogleich mit der Feststellung, dass es die Menschen (in Philosophie und Religion) immer über Sinnlichkeit und Sinnen hinaustreibe, von der „Ästhetik zur Anästhesie", ins „Übersinnliche". Der Theologe sieht in Philosophie und Theologie die Grundbewegung eines „Hinweg", ein„Darüberhinaus". Warum wolle man über das Sinnliche hinaus in Richtung Übersinnliches gehen? Mit dem Thomasevangelium ("Ich werde euch das geben, was nicht das Auge gesehen"), mit Paulus („denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ewig") und mit Novalis („das Vermögen, außer sich zu sein") betonte Martin die Ambivalenz des Sinnlichen, wie sie zum Beispiel auch in Buch und Film „Das Parfum" zum Ausdruck komme. Auch das Wort „trans=über" habe nicht nur positiven Klang, wie Über-mut, Über-treiben, Über-Ich, über-flüssig, Über-flieger und Über-bein beweisen. So sei das auf Meister Eckhart zurückgehende Körpergebet ebenfalls angesiedelt zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem. Man setze sich beiden Seiten körperlich unmittelbar aus, ohne dass man es gleich beschreiben kann. „Eigenleibliches Spüren in personaler Emanzipation" (Schmitz) nenne das die Philosophie, einen Weg zurück zum Präpersonalen! Bei dem Mystiker Meister Eckhart finde sich ein Zustand, der „nicht weiß, nicht will, nicht hat", ein Punkt sozusagen vor der Schöpfung der ins Weglose und Abgründige weist: "Darum bitten wir Gott, dass wir Gottes ledig werden" so zitierte Martin aus einer Predigt Meister Eckharts. Man könnte Martins Referat einen paradoxen Versuch nennen, durch negative Theologie positive Sinnlichkeit und Sinn zu retten. Mit Ursel Bureks (Oppenheim) Schlussreferat kam die Tagung wieder auf den (Tanz)Boden. „Auf der Suche nach dem Sinn am Fuße des tanzenden Regenbogens" hatte sie ihre „Performance Lecture" betitelt. „Könnte ich", so begann sie, Goethe zitierend, „meinen Tanz mit Worten beschreiben, brauchte ich nicht zu tanzen." Das tat sie denn auch, unterstützt durch ihre Tanzgruppe. Später kommentierte sie: Tanzen habe zunächst einen präverbalen Sinn, sei ein „lustvolles Medium, das den Moment intensiviert", ein „intensiver Augenblick des Seins". Gleichwohl fordere Tanz unser „Sinnliches Wesen" heraus, er könne sogar das gesamte Leben begleiten (Afrika, Australien). Man brauche nur die Bereitschaft, sich einzulassen bis es „antwortend am eigenen Leib dem Körper eingeschrieben" sei. Man sehe dann, zum Beispiel im Tango, die Faszination hautnaher Sinnlichkeit und erlebe „Erotik als nimmermüde Suche nach Verständigung und verstanden werden; eine Lust, sich zu verlieren, um sich im Anderen zu finden". Psychotherapeutisch könne Tanz unbewusste Inhalte durch Bewegung verkörpern. Man transformiere dann in tänzerischer Gestaltung eigene Gefühle und Erlebnisse in rhythmische Bewegungsgestalt. Darin geschieht sogar notwendige Distanz und Reflexion. Dazu gehöre auch Beherrschung und Kontrolle (Tango als „gezügelte Leidenschaft, um die Würde wiederherzustellen"), ohne das zugrunde liegende Gefühl zu sich und seinem Körper zu verlieren. Die (im Film vorgestellte) Tänzerin „Martha" sei damit „Komponistin ihrer selbst und Hüterin ihrer Würde" geworden, auch eine Form, das eigene Schicksal und den eigenen Sinn tanzend zu verfolgen. Wolfgang Teichert Diese Vorträge werden wie immer im Tagungsband veröffentlicht. Sie sind aktuell auf Kassetten bzw. auf CD erhältlich: Auditorium Netzwerk, Müllheim. Telefon: 07631/170743, Fax: 07631/170745. ANKÜNDIGUNG DER ARBEITSTAGUNG 2007 vorläufiges Leitthema: Freiheit und Schicksal vom therapeutischen Umgang mit Zeit- und Lebensgeschichte Datum: Sonntag, 28. Oktober 2007 bis Donnerstag, 01. November 2007 Tagungsort: Lindau / Bodensee, Inselhalle, Zwanzigerstraße Eingeladene: Ärztinnen / Ärzte, Psychotherapeutinnen / Psychotherapeuten, Psychologinnen/ Psychologen,Pfarrerinnen / Pfarrer, Pädagoginnen / Pädagogen,Juristinnen / Juristen, Sozialarbeiterinnen / Sozialarbeiter,Krankenschwestern / Krankenpfleger, alle im Heilberuf Tatigen. Das endgültige Programm mit allen Einzelheiten nebst Anmeldeformular kommt im Juni /Juli 2007 zum Versand und kann bei unserer Geschäftsstelle: Postfach 1147, D-73201 Plochingen oder per e-mail: IGT-EV@gmx.de, kostenlos angefordert werden. Sofern Sie diese Ankündigung unter Ihrer eigenen Adresse erhalten haben oder wenn Sie Mitglied bei uns sind, erhalten Sie das Programm ohne weitere Anforderung zugesandt. Unser Tagungsband 2005 ist erschienen: „Sehnsucht und Erinnerung – Leitmotive zu neuen Lebenswelten" mit einem Vorwort von Verena Kast und Beiträgen von: Aleida Assmann, Ute Benz, Sabine Bode, Hinderk M. Emrich, Claus Eurich, Heidi Gidion, Verena Kast, Friedrich Schorlemmer, Fulbert Steffensky, Christiane Wieder, Bert Theodor te Wildt. Herausgeberin: Dr.Christiane Neuen. Erschienen im Walter-Patmos/Verlag, Düsseldorf, 224 Seiten, broschürt, ISB 10: 3-530-422100-8. Der Band kann über jede Buchhandlung bezogen werden. Unseren Tagungsband 2006: „Sinne - Sinn und Sinnlichkeit", Herausgeberin: Dr. Christiane Neuen, können Sie bei der Buchhandlung: Akademische Buchhandlung Christiane Bauer, Leopoldstrasse11a, 80802 München, vorbestellen. Unsere Mitglieder erhalten den Tagungsband kostenlos. Die Vorträge unserer Tagung 2006 können außerdem als Kassette oder CD über die Firma: Auditorium Netzwerk, Habspergstr. 9a, 79379 Müllheim / Baden, Tel.: 07631-170743, Fax: 07631-170745, bezogen werden.
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