Tagung 200859. Jahrgang Februar 2009
Liebe Freunde und Freundinnen, liebe Mitglieder unserer Gesellschaft, für das Jahr 2009 wünsche ich Ihnen allen im Namen des Vorstandes, der Wissenschaftlichen Leitung und der Geschäftsleitung gute Erfahrungen und Zuversicht. Ich möchte Ihnen herzlich danken: durch Ihr Interesse und Ihr Mittragen kann unsere Gesellschaft die Lebendigkeit und die gute Atmosphäre haben, die immer wieder vermerkt wird. Besonders danken möchte ich all jenen, die aktiv die Tagung mitgestaltet haben. Unsere letztjährige Herbsttagung zum Thema WÜRDE
Eine psychologische und soziale Herausforderung hat mit rund 767 TeilnehmerInnen grosses Interesse und Anklang gefunden. Zum ersten Mal an einer Tagung der IGT teilgenommen haben 124 TeilnehmerInnen. Das freut uns sehr, zeigt das doch, dass es uns immer wieder gelingt, neu Menschen anzusprechen. Das Thema war, wie vorauszusehen, ein sperriges und zugleich ein sehr wichtiges. Die Vortragenden versuchten jeweils auf ihre Weise, und hier zeigte sich der grosse Vorteil der Interdisziplinarität, das Thema der Würde zu konkretisieren, aufzuzeigen, in welchen Handlungen und Haltungen sich Würde zeigt oder auch wo sie missachtet wird und was sie für das Menschsein bedeutet. Menschenwürde, Achtung des Menschen, eine Kultur der Anerkennung und der Menschenrechte wurden dabei in einem Kontext gesehen. Die Vorträge zeigten auf, und dass es bei der Würde um einen zentralen menschlichen Wert geht, um den man sich immer wieder neu bemühen muss, und dass es sich nicht einfach um eine Leerformel handelt, wie gelegentlich befürchtet wurde. Ein grosser Reichtum an Erfahrungen, Gedanken, Ideen wurde an dieser Tagung wiederum miteinander geteilt, nicht zuletzt auch in den vielfältigen Angeboten am Nachmittag, wo die meisten etwas finden konnten, was ihren Bedürfnissen entsprach.
Wir freuen uns darauf, viele von Ihnen auf der nächsten Tagung
vom 25. Okt. bis 29. Oktober 2009 mit dem Thema WEISHEIT UND WISSEN in Lindau wieder zu sehen.
Ihre Verena Kast Würde
Eine psychologische und soziale Herausforderung
Lindau 2008 hat gezeigt: Die gemeinsame Würde als Menschen besteht für uns darin, dass wir wach gehalten werden durch die für alle gleiche Rätselstruktur unserer Existenz und durch dessen Polaritäten. Wir leben in der Notwendigkeit, uns Räume zu schaffen oder uns Räume zu erhalten, in denen wir atmen und würdig leben können. Es war denn auch kein Zufall, dass kurz nach Ende der Lindauer Tagung im Oktober 2008 mit ihrem Thema: „Würde Eine psychologische und soziale Herausforderung“ sowohl die katholische Akademie München, als auch die Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT zum Thema umfangreich nachgezogen haben. „Würde“, dieser scheinbar so „altmodische“ Begriff bekommt eben besondere Aktualität im Zeitalter seiner weltweiten Verletzung. Denn, wie Verena Kast in der Einladung die geradezu zwingende Themenstellung begründet hat, „Elend, Unterdrückung, eingeschränkte Freiheit, vermeidbarer und zugefügter Schmerz, Grausamkeit, wie überhaupt alles, was ein Leben in Menschenwürde einschränkt, ist sowohl auf der gesellschaftlichen Ebene als auch im individuellen Erleben schwer erträglich“. Die Tagung im Oktober 2008 richtete ihr Augenmerk in interdisziplinärer Verschränkung auf beide Bereiche, die öffentlichen ebenso wie die privaten, wie es sich für Therapeuten gehört. Das Eingangsreferat, gehalten von der Traumatherapeutin und Ärztin Luise Reddemann (Köln) zum Thema „Würde – ein vergessener Wert in der Psychotherapie?“ begann mit einem kritischen Blick in den eigenen Spiegel von Therapie und deren Würdevergessenheit. Die Psychotherapie sei für Würdeverletzungen nicht genügend sensibilisiert, machte die Referentin zu Beginn an einer kleinen Fallgeschichte deutlich. Es gebe eine Versuchung zur vorschnellen Deutung meist dann, wenn die therapeutische Seite selber in Ohnmachtsituationen gerate (zum Beispiel durch die Übertragung). Man dürfe zwar in der Therapie seine eigene Perspektive anbieten, wenn es um eine Perspektiverweiterung gehe. Dazu sei aber der richtige Zeitpunkt (Kairos) wichtig. Besonders bei Traumatisierungen gebe es die Gefahr einer Retraumatisierung durch das unbedingte „Durcharbeiten-wollen“.
Luise Reddemann erinnerte daran, dass Mitbestimmen bei therapeutischen Entscheidungen nicht sehr verbreitet sei. Eine würde orientierte Therapie hingegen müsse auf Wechselseitigkeit in der therapeutischen Beziehung setzen. „Wie wäre es, wenn wir uns zubilligten, jemanden „nur“ zu begleiten“, fragte die Ärztin? Es gehe also nicht nur um Heilung, sondern auch um Trost (Zitat über eine Wiener Klinik). Würdeorientierung sollte ein „Leitbild oder ein Kompass“ sein bei allem, was die Psychotherapie tut.
Am Beispiel des Märchens von Gevatter Tod schloss sie mit Fulbert Steffensky, dass wir Probleme hätten, die Endlichkeit des Lebens anzuerkennen. Wir lebten in einer Gesellschaft, in der „die Weisheit schwach und die Apparate stark“ seien, „was es uns nicht leicht macht, weise zu sein“. Menschen könnten jedoch mit ihrer Lebens- und Überlebenskraft im Rahmen ihrer Endlichkeit mit ihrer Würde in Berührung kommen, wie Luise Reddemann am Beispiel der im KZ inhaftierten Geigerin Alma Rose, Nichte von Gustav Mahler, zeigen konnte. Sie habe der äußeren Todeslandschaft keine Macht eingeräumt über ihre innere Würde. Für die psychotherapeutische Arbeit sei wichtig, dass man Respekt habe vor der wechselseitiger Autonomie in der Therapie:„Wissenschaft als Besserwisserei lässt immer Würde außer acht“. Man habe die Verletzlichkeit des anderen(besonders des weiblichen Geschlechts) zu achten: Das Antlitz des anderen sei eine Aufforderung, weder dem Körper noch der Seele des Patienten Schaden zuzufügen, sondern ihm – mit Levinas – „gütig und barmherzig“ zu begegnen.
Es gebe dabei auch eine Würde des Scheiterns: „Das Ziel des Menschen ist nicht seine Verwertbarkeit“, mahnte die Referentin. Man habe auch – so schloss sie -ein Recht auf Intimität als Würdebereich. Man müsse sich gegen den “gläsernen Patienten“ wehren. Albert Schweitzers Begriff von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ als ein Hingabeverhalten ans Leben sei ein anderer Begriff für Würde. Diese Eingangsmahnung nach Achtung von Würde und Integrität in der die Psychotherapie rief geradezu nach einer weiteren Begriffsbestimmung von Menschenwürde. Der Heidelberger Theologe Wilfried Härle, Heidelberg gab mit seinem Referat „Menschenwürde, was ist das eigentlich?“ eine erste Bestimmung von Achtung und Schutz der Würde, wie sie Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland seit 1948 formuliert, vorformuliert bereits in der Präambel der bayrischen Verfassung. Dieser Artikel 1 sei allerdings offen für verschiedene Begründungen, aus der jüdisch - christlichen Tradition (Gottebenbildlichkeit des Menschen), aus der kantschen Philosophie (Der Mensch als Vernunftwesen) und aus einer Reihe andere Begründungen, die aber keine universale Geltung hätten.Seit 2000 jedoch sei dieser Satz von Artikel 1 nicht mehr selbstverständlich: Die Würde des Menschen war unantastbar (E. W. Böckenförde), habe ein Bundesrichter formuliert. Es gebe da einen regelrechten „Epochenbruch“. Worin besteht also die Achtung und Missachtung der Menschenwürde? Der Theologe versuchte sechs verschiedene Antworten: An Kant anschließend formulierte Härle, dass man den anderen Menschen als Selbstzweck zu achten habe und ihn nicht als bloßes Mittel oder Instrument gebrauchen dürfe. Einen anderen Menschen missachten, würde auch die eigene Würde beschädigen. Man dürfe den Menschen nicht zum einfachen Objekt machen. „Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde“, so zitierte Wilfried Härle ausführlich Kant. „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allem Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, hat eine Würde“(Grundlegung der Metaphysik der Sitten, 1785, BA77). Neuerdings werde in der medizinethischen Diskussion Würde mit Selbstbestimmung im Kontrast zu „menschenunwürdigem“ Leben gleichgesetzt. Das habe allerdings fatale Folgen in Hinblick auf Situationen, in denen die Selbstbestimmung der Menschen noch nicht oder nicht mehr gegeben sei. Wir hätten als Babys alle angefangen ohne Selbstbestimmungsmöglichkeiten. Und manchmal endeten wir auch so. Selbstbestimmung tendiere zur Überzogenheit und maßloser Überschätzung. Trotzdem müsse man es als eine Missachtung der Würde eines Menschen bezeichnen, wenn andere mit einem Patienten etwas tun, was dessen klar geäußerten Willen widerspricht. Es gehöre zur Würde des Menschen, auf die Anwendung medizinischer Maßnahmen an sich selbst zu verzichten und insofern ein Recht darauf, sterben zu dürfen; nicht getötet zu werden. Man könne und müsse aber Menschen bis zuletzt begleiten. Das sei schwer, weil die Ohnmacht in Grenzsituationen schwer auszuhalten sei. Patienten hätten also Entscheidungsfreiheit, ihr Wille dürfe nicht gebeugt werden. Das gelte auch für Folter, die nie mit Menschenwürde vereinbar sei. Folter sein ein absolut verwerflicher Eingriff in die Integrität des Menschen; wenn auch – in Grenzsituationen – menschlich verständlich. Wer das dennoch tut, habe die Rechtsverletzung auf sich zu nehmen und sei dafür zu belangen. Menschen dürfen nicht gedemütigt werden, denn das verletze die Würde ihres Schamgefühls. Es gehöre zur Würde des Menschen, dass das, was er verborgen halten will, in der Sphäre der Intimität verbleiben darf. Dafür dürfe man ihn nicht diskriminieren oder ihn aus der Rechtsgleichheit einer Gesellschaft als „Barbar“ oder als „Unter- oder Nichtmensch“ oder „menschliches Gemüse“ oder „Zellhaufen“ ausgrenzen. Zusammenfassend könne man festhalten: Würde sei Anspruch auf Achtung. Menschenwürde sei folglich der jedem Menschen eigene, weil mit seinem Dasein gegebene und darum objektive Anspruch auf Achtung als Mensch. Selbst wenn man nicht an eine wie auch immer inhaltlich gefüllte Transzendenz “ glauben“ möge, so der Theologe, so gebe er zu bedenken, dass diese „Leerstelle“ (z.B. der leere Thron Gottes ) nicht mit irgendwelchen Surrogaten besetzt sein solle , sondern frei zu halten sei. Therapie wäre dann auch der Versuch, eine Leerstelle freizuhalten, die dann individuell und kulturell und religiös zu füllen sei. Noch am gleichen Abend konkretisierte Ingrid Riedel (Therapeutin und Theologin aus Konstanz) mit ihrem existentiell und farbig gehaltenen Referat „Würdig altern“ das Thema: „Auslaufmodell oder Antiquität“, das sei hier die Frage. Das Bild vom Auslaufmodell verrate wenig Selbstwertgefühl, Antiquität hingegen weise auf einen würdevollen Lebensstil jenseits allen Modischen hin. An einem Beispiel zeigte die Referentin, wie es gelingen kann, sich mit seinem Alter zu befreunden, die Ernte zu genießen und würdig – jenseits aller Konvention (unwürdige Greisin) – zu altern. Das sei allerdings nicht leicht, so Ingrid Riedel, wie Simone de Beauvoir und andere in ihren Altersbeschreibungen verrieten, wo Ekel, Trauer und Auflehnung erlebt und gelebt werden müssen. Aber verschiedene Altersstudien würden nachweisen, dass die meisten Alten überwiegend mit ihrem Leben zufrieden seien, besonders dann, wenn es ihnen – bei „leiser Traurigkeit“ – gelänge, „ins Einvernehmen mit der Endlichkeit“ und damit in eine neue Identität zu kommen. Gern aufgenommen wurde der von Brigitte Dorst einst referierte Hinweis, dass sich im Alter besondere Formen der Intelligenz ausbilden können, die so genannte „Entwicklungsintelligenz“ (Cohen), eine Art endlichkeitsbewusstes und biographiegeprüftes Wissen und Verhalten. Dazu gehöre – frei nach Robert Jungk – eine gewisse Unabhängigkeit vom Zwang der Zeit, vom Zwang der Zweckhaftigkeit und vom Zwang des Eigenlobs. Man könne sich dann besser akzeptieren und man wisse ja (von Verena Kasts Arbeiten z.B.): Je geringer man sich akzeptiere, desto stärker fühle man sich als Opfer. Wie also sieht das „neue Rollenfach“ (Goethe) aus? Es gebe die Ruhethese, dass man sich befreie von allen Engagements, aber dagegen auch die Aktivitätstheorie zum Beispiel bei Pablo Casals: „Meine Arbeit ist mein Leben“, habe dieser Künstler gesagt. Aber wie es eine Versuchung zu Resignation und Ressentiment gebe, so eben auch eine zum blinden Aktionismus. Man müsse nicht um jeden Preis die einstige (berufliche) Kompetenz erhalten wollen. Angemessen leben, das sei würdig leben, betonte Ingrid Riedel. Dazu gehöre auch, dass man „Wahlverwandtschaften“ pflege, spirituelle Gemeinschaften entwickle oder besuche oder einfach Großeltern sei, wo das möglich ist. Zitat einer humorvollen Großmutter: „Sterben müssen wir ja alle, das bringt uns auch nicht um.“. Es überwögen also beim würdigen Altern Haltungen der Hingabe. Und die seien traditionell weiblich. Man könne Alter als „weiblich“ bezeichnen, das es möglich mache – am Ende – „unser persönliches Leben zurückzugeben an das große Leben“. Aber immer sei festzuhalten, so schloss Ingrid Riedel, gegen alle schwerfällige und konventionelle Würde, gegen das Hochwürdige, bevorzuge sie mit Brecht und dessen Schilderung seiner Großmutter ein Leben in Narrenfreiheit, balancierend zwischen Verweigerung und Akzeptanz, ein Leben, wie die Mystik sagt, „ohne Warum“, wo man vergnüglich mit Theresa beten könne: „Oh Herr, Du weißt es besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde. Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.“ Die alternative Nobelpreisträgerin 2008, Monika Hauser (Köln) demonstrierte mit ihrem Referat: Würdiges Leben – traumatisierte Frauen in Kriegs- und Krisengebieten“ die gesamte Perfidie einer Kriegsführungspolitik, die auf Vergewaltigung von Frauen abzielt. „Wenn ich das Wort Vergewaltigung höre“, so die Ärztin, dann weiß ich, dass das für die Betroffenen lebenslange Auswirkungen mit sozialer und persönlicher Ausgrenzung zur Folge habe. Monika Hausers Vortrag schilderte und demonstrierte die lebenslangen Auswirkungen erlittener sexualisierter Gewalt besonders dort, wo sie als kriegsimmanentes Mittel einkalkuliert ist. Die vergewaltigten Frauen müssten die Gewalttaten nicht nur aus Scham und Ehre unter Verschluss halten, häufig greife das Phänomen der „Schuldumkehr“: Ihre Familien bestraften sie noch für die erlittene Gewalt. „Vergewaltigung“, so ein Spitzensatz der Referentin, „ist ein Problem der Männer“. Diese Beobachtung führte später in einer Gruppe zu der Frage: Gibt es Einsichten in der Jungschen Psychologie über den kollektiven Schatten des Männlichen (wie parallel zur großen Mutter/ Neumann), etwa dann, wenn C. G. Jung den „dunklen Bruder“ erwähnt, der unzertrennlich zum Mann gehöre. Die „lebende Gestalt“, so Jung, „bedarf tiefer Schatten, um plastisch zu erscheinen“. Ohne den Schatten bleibt die ein flächenhaftes Trugbild (Ges.Werke VII. S.262). Gefährlich und destruktiv werde der Schatten erst durch seine Abspaltung mit dem Mittel der Idealisierung und Heroisierung des Männerbildes. Immer aber, so die Referentin: Die Folgen tragen die Frauen. Ihre erlittenen Verletzungen setzten sich überdies in die nächste Generation fort und man müsse sich fragen, wie Erinnerungskultur gestaltet werden kann. Beispiel für Erinnerungskultur und gegen die Resignation von Frauen: Ein von der Referentin während des Vortrags vorgeführten Film, in dem man die Witwen der vor fünfzehn Jahren erschossenen Männer auf einem Dorf im Kosovo sehen konnte, wie sie Traktor fahrend und Bienen züchtend versuchen, sich und ihren Kindern einen Lebensunterhalt zu schaffen. Und das in einer kulturellen Umgebung, die patriarchal lieber die Frauen ins Haus und an den Herd zurückwünscht. Flucht und Exil brächten dann zusätzliche und eigene Form von Traumatisierungen, fuhr die Referentin fort. Bereits Abschiebungsdrohungen lösten das alte Trauma sofort wieder aus und „regionale Clansysteme“ förderten Retraumatisierungen. Das Gericht in Den Haag sei ein Fortschritt, aber auch dort habe man zuweilen Zeuginnen unsensibel als „lebendes Beweismaterial“ angesehen und sich wenig um die psychischen Verletzungen gekümmert. Monika Hauser betonte: „Wie viel Empathie man sich leisten kann, hängt von der eigenen Biographie und der Reflexion darüber ab“. Und sie, die sich täglich mit den schlimmen Geschichten von Vergewaltigung beschäftigt, mahnte am Schluss: Man dürfe nicht zur „Funktionärin des Leids“ werden, sondern müsse auch dort eine Balance finden, zwischen therapeutischem Engagement und individuellem Leben. Im Kontrast zu dem aufrüttelnden Referat von Monika Hauser stellte Thomas Kieselbach (Bremen) mit seinem Referat „Arbeitslosigkeit und das Risiko sozialer Exklusion: Perspektiven eines zukünftigen Umgangs mit beruflichen Umbrüchen“ die spezielle Frage nach Gesundheit in den derzeitigen Arbeitsprozessen, eine geradezu erschütternde, durch viele Folien und Statistiken erhärtete Bilanz: Man werde häufig, so der Referent, allein durch die Tatsache von Arbeitslosigkeit zum Opfer (Viktimisierung) entwürdigt. Zwar sei Würde kein „relevanter Begriff in der Arbeitslosenforschung“, wohl aber könne man sich durch Wahrnehmung von Scham, Stigma, Selbstwertgefühl, Integration oder Ausschluss diesem Begriff annähren. Der Referent unterschied drei verschiedene Formen von Opfer. Man verliere zunächst seine gewohnte Arbeit, die ja soziale Kontakte, Prestige und Einteilung der Zeit vorgebe. Außerdem müsse man finanzielle Einschränkungen hinnehmen. In einem zweiten Schritt spüre man die Kontrolle sozialer Institutionen. Man werde ausgegrenzt und fühle sich nutzlos. Schließlich mache man häufig die Betroffenen für ihre Arbeitslosigkeit verantwortlich, betrachte sie als inkompetent oder als „Sozialschmarotzer“. Das alles führe zu gesundheitlichen Belastungen, die vorher vielleicht nur schwach gespürt worden seien. Man flüchte aus Entlastungsgründen in die Krankheit: Depressive Verstimmungen, Unzufriedenheit mit der Lebenssituation, Ängstlichkeit, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, geringes Selbstwertgefühl, Resignation, sogar Apathie, Isolation und Einsamkeit nähmen signifikant, besonders bei „Langzeitarbeitslosen“, zu, so Kieselbach in immer neuen Anläufen. Es gebe Schuldzuweisungen, man sei eben arbeitsscheu oder einfach faul. Man lädt Arbeitslose nicht mehr ein. Es stelle sich Scham als Gefühl der Unterlegenheit und Wertlosigkeit ein. In diesem Zusammenhang unterstrich Thomas Kieselbach, wie sehr man als Betroffene oder Betroffener spüre, wie andere einen in solcher Situation ansehen und wahrnehmen. „Jede Interaktion mit anderen Menschen, Autoritäten, Wohlfahrtseinrichtungen ist ein Test des Selbstwertgefühls“, rief der Referent aus. Man werde sehr verletzbar (Vulnerabilität). Dazu trage die „Passivität auf dem Arbeitsmarkt, die prekäre finanzielle Situation, unzureichende institutionelle Unterstützung und geringes Selbstwertgefühl“ bei. Westeuropa versuche diese Defizite durch erneute Integration in soziale Netze, Südeuropa durch Integration in vorhandene Familienstrukturen zu entschärfen. Kieselbach schlug neben der Stärkung „nachhaltiger Beschäftigungsfähigkeit“ vor allem vor, dass die Unternehmen mehr soziale Verantwortung zu übernehmen hätten und dass die Widerstände der Betroffenen „gegenüber organisationalem Wandel“ kleiner werden müssten und dass in diesem Zusammenhang Gesundheit wichtigster Fokus bei „professionellen Hilfsangeboten für verletzliche Beschäftigte“ sei. Der Referent schloss mit einem Gemälde von Amborgio Lorenzetti aus dem 14.Jahrhundert, auf dem alle Bürger der Stadt sozusagen Hand in Hand arbeiten, wie gesagt vor 600 Jahren. Der Soziologe Franz Xaver Kaufmann (Bielefeld), eingesprungen für die Politikerin Leutheusser- Schnarrenberger, suchte langfristige Ideen und kurzfristige Interessen in Politik und Leben auseinander zu halten. Er setzte in seinem Referat auf die normative Wirkung von Menschenrechten und Menschenpflichten. Sein Thema: „Globalisierung und Menschenwürde. Beherrscht die Ökonomie die Zukunft des Menschen?“ Vier „bedeutungsschwangere“ Worte: Globalisierung, Menschenwürde, Ökonomie und Zukunft. Man könne sagen, dass mit der Verfestigung der Globalisierung ein Zerbröckeln der globalen Vernunfteinheit einhergegangen sei. Terror, Guantanamo und Klimazerstörung – um nur einige zu nennen gäben davon Zeugnis. Aber, so die Eingangsfeststellung: Die westliche Kultur könne nicht mehr von den universalistischen Menschenrechten lassen, sie müsse sich freilich auch Gedanken machen über die Menschenpflichten. Unser Problem sei: Obwohl man über die Zukunft keine sicheren Aussagen machen könne, seien wir doch gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die weit in die Zukunft reichen.
Ökonomie freilich, so der Referent, habe ursprünglich nicht nur den entfesselten Markt gemeint habe, sondern auch Hauswirtschaft und Staatswirtschaft. Diese beiden Seiten der „Ökonomie“ spielten aber in internationalen Kontexten keine Rolle, obwohl sie national einen hohen Prozentanteil Wertschöpfung durch unentgeltliche Leistung erbringen. Es habe ursprünglich ja auch eine Hauswirtschaft ohne Gewinnorientierung gegeben. Das habe sich erst geändert mit der „Verfleißigung“ im 17.Jahrhundert.Die Wirtschaft reagiere schnell und anpassungsfähig auf neue Entwicklungen, wie auch diese „Verfleißigungen“ gezeigt haben, aber die „Richtung der Zukunft“ könne sie nicht beherrschen. Allerdings sei entfesselte Ökonomie zur stärksten Triebkraft für Globalisierung geworden. Dabei spielten Verringerung von Distanzen, Bedeutungsverlust von Grenzen, Bedeutungsgewinn transnationaler Konzerne und zunehmende Wahrnehmung der Einheit der Welt zusammen. Die Finanzmärkte hätten sich weltweit vernetzt, so dass der Wert des Geldes heute losgelöst sei „von irgendwelcher Substanz“. Es gäbe inzwischen eine Art „Kulturkampf“ zwischen Markt- und Staatsgläubigen über die Gestaltung der Moderne, verteilt auf die USA und Europa; wobei die gegenwärtige Finanzkrise die staatsgläubige Seite wieder stark gemacht habe, weil, so der Referent in fast religiöser Sprache, die Finanzmärkte einer “Vertrauensarchitektur“ von System stabilisierenden Einrichtungen bedürften. Wie das in Zukunft zu bearbeiten sei, deutete Kaufmann mit Hilfe der Systemtheorie von Niklas Luhmann an, nach der alle Teilsysteme, Recht, Politik, Wissenschaft und Religion im Suchen nach eigene Formen von Zukunftssicherheit aufeinander angewiesen seien. Dabei neigten Entscheider zu Optimismus, Betroffene aber eher zu Pessimismus. Deshalb dürfe kein Teilsystem den Vorrang haben. Die Verselbständigung der Wirtschaft sei nur ein Teilprozess in einem umfassenden Umwandlungsprozess der Gesellschaften. Andere Teilsysteme wie Politik, Kultur, Wissenschaft und Religion trügen ebenfalls und gleichberechtigt zur Gestaltung von Zukunft bei. Wirtschaft reagiere zwar am schnellsten, aber Recht und Religion könnten heute und in Zukunft mehr die Richtung zukünftiger Gesellschaft angeben, weil sie stabiler und widerständiger seien und - im Fall der Religion -besser mit Sinnlosigkeit und unerwarteten Einbrüchen (Kontingenz) umzugehen eingeübt haben. Die Rede von „Wissensgesellschaft und Humanvermögen“ machten denn auch auf die Wichtigkeit von Kultur und überschaubaren Solidaritätsgemeinschaften mit ihren Motivationen aufmerksam. Denn „Menschheit“ insgesamt sei nur ein blasser Solidaritätshorizont für die meisten Menschen. Geld mache zwar anpassungsfähig, aber es generiere keine Zukunft. Die Richtung der zukünftigen Geschichte jedoch müsse eher aus „kulturellen Tiefenstrukturen“ kommen. Zwar sei der Ethos der Kulturen verschieden, aber nicht unvereinbar. In diesem Zusammenhang räume er dem Ethos der Menschenrechte und -würde hohen Rang ein. Der Hinweis auf Verletzungen sei deswegen ein hoffnungsvolles Zeichen, weil er ihre wachsende normative Verbindlichkeit zeige. In einer Gruppe wurde hinzugefügt: Therapie sei vielleicht eine Art interferierender oder intermittierender oder transversaler Arbeit. Denn wenn jedes Teilsystem nur einen Teil des Zusammenlebens darstellen und steuern könne, dann sei diese Intermediarität geradezu eine Forderung der Stunde für Therapeutinnen und Therapeuten. Unter dem Titel „Wer seid Ihr wunderbares Geheimnis? Grundlagen einer Pädagogik der Achtung“ entwickelte die Kölner Pädagogin Sigrid Tschöpe-Scheffler Grundlagen einer Pädagogik der Achtung und Würde. Das vorige Jahrhundert, gekennzeichnet als „Jahrhundert des Kindes“, habe besonders gegen Ende viele Absicherungen zur Würde des Kindes gebracht: Überlebens-, Entwicklungs- und Schutzrechte. „Formal“ habe es zu keiner Zeit so viele juristische und ethische Absicherungen gegeben, dem Kind zu seiner Würde zu verhelfen. Vom Befehlshaushalt zum Aushandelshaushalt von der Familienzentrierung zur Kindzentrierung, lauteten die Formeln. Die Wirklichkeit sehe aber anders aus und bleibe hinter den rechtlichen Bestimmungen und emanzipatorischen Formeln zurück. Im Rückgang auf den polnischen Arzt Janus Korcak (1878 – 1942) und dessen geschilderte Biographie (er ging 1942 mit den ihm anvertrauten Kindern und seiner Mitarbeiterin im KZ in den Tod), betonte die Referentin, dass es bei der Pädagogik der Würde um eine Haltung, nicht um ein Verhalten gehe. Kinder hätten ein Recht als einmaliger Mensch zu leben, der keinem Entwurf entsprechen muss; mit eigener individueller Zeit und Raum, das Recht auf Tränen, Trauer und Schmerz, auf den „heutigen Tag“, sogar auf den Tod. Hinzu komme das Recht, fremd und andersartig als der Erwachsene zu sein und bleiben zu dürfen. Wichtigste Strukturlemente von Korcaks Pädagogik des „wunderbaren Geheimnisses“ seien Respekt vor eben diesem Geheimnis des Kindes, Nichtwissen der Erziehenden und genaue Wahrnehmung gewesen. Er habe nicht an pädagogische Grundsätze in „fürsorgerlicher Belagerung“ (Heinrich Böll) geglaubt. Die Ratlosigkeit des Kindes rufe unsere Ohnmacht hervor und gebe den Erwachsenen „große Entwicklungschance, das Kindliche und Fremde in uns wieder zu entdecken als wundertätigen Bundesgenossen“. Man solle also Kinder nicht aus eigenen Entwürfen heranbilden und pädagogisieren, sondern sich selber durch den Umgang mit Kindern berühren lassen und teilhaben am Leben der Kinder. Teilhabe und Selbstreflexion seien „wesentliche Voraussetzug dafür, in eine Haltung zu kommen, in der Kinder und Erwachsene leben könnten“. Nicht die „Wut des Verstehens“ (Schleiermacher) und Überpädagogisierung, sondern - als Gelenkstelle einer Pädagogik der Achtungs-Wahrnehmung in „Ehrfurcht und Demut“ seien die dem Kind gegenüber gemäßen Haltungen.
Fünf Säulen einer entwicklungsfördernden Erziehung gelte es dabei zu beachten: Liebe, Achtung, Kooperation, Struktur und Förderung. Das alles in der Haltung „personaler Präsenz“. „Erzieh Dich selber, ehe du Kinder erziehst“, mahnte die Referentin, wobei sie vor aller Perfektion gewarnt hat: Es gehe auch bei der Pädagogik nur „um gelungene Halbheit“.
Die nachfolgende Diskussion ergänzte dies Referat mit dem Hinweis auf die Möglichkeiten, wie heutige Kinder ihre Eltern unbewusst manipulieren könnten. Darauf habe Michael Winterhoff in seinem Buch: „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ hingewiesen. Winterhoff sei aufgefallen, dass sich Kinder wie Jugendliche in den vergangenen Jahren in ihrem Verhalten dramatisch verändert haben: Sie verweigern unter anderem grundlegende Regeln des Sozialverhaltens wie Grüßen und Zuhören oder Zurückhaltung und Wahrnehmen des Anderen. „Wenn man diese Veränderung auf den Punkt bringen möchte, ist es so, dass wir es heute immer mehr mit respektlosen Kindern zu tun haben“. Grund dafür seien unbewusste aber gravierende Beziehungsfehler der Eltern. „Es passiert heute sehr oft, dass Eltern mit der Psyche des Kindes verschmelzen und damit nicht mehr zwischen sich und dem Kind unterscheiden“, beobachtet Winterhoff. Auf diese Weise mache das Kind die Erfahrung „den Erwachsenen permanent steuern zu können“. Der Erwachsene verliere dadurch seinen erzieherischen Einfluss. Resultat: Das Kind verbleibe in der frühkindlichen, „respektlosen“ Phase, entscheidende Lernprozesse finden nicht statt. Mit dem Arzt und Psychiater Erich Wulff (Paris) trat noch einmal ein großer alter Mann vor das Plenum in Lindau, der die Geschichte der Psychiatrie mit eigenen Augen erlebt und dann gestaltet hat. „Würde und Würdeverlust in der Psychiatrie“, so sein Thema. Er schilderte eindrücklich wie zu seiner Anfangszeit als Arzt die Asyle Entwürdigungsstationen für die Kranken gewesen seien. Ärzte hätten zunächst, so wörtlich, „eine Selektion zwischen heilbaren und unheilbaren Kranken durchzuführen.“ Die Unheilbaren seien in Pavillons gelandet, wo rechtlose Zustände geherrscht hätten. Zwar habe niemand die Kranken bewusst quälen wollen, aber man habe sich mit dem Hinweis auf „Sachzwänge“ abgefunden. Es habe so etwas gegeben wie „strukturelle Gewalt ohne Beachtung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit.“ Am Beispiel der verabreichten Elektroschocks bekamen die Zuhörerinnen und Zuhörer ein drastisches Bild der Zustände vor Augen gemalt.
Erst die Psychiatriereform von 1980, an der der Referent wesentlich beteiligt gewesen ist, habe den schwer psychisch Kranken das „Stigma unberechenbarer Verrücktheit“ genommen. Die großen Asyle gebe es heute nicht mehr. Auch die Kranken und Angehörigen selbst meldeten sich heute zu Wort. Anders sei jedoch die Entwicklung in der forensischen Psychiatrie, einst ein Stiefkind der Psychiatrie, verlaufen. Sie sei nur für kurze Zeit in den Liberalisierungsprozess der Reform hingezogen worden Seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sei dies wieder rückgängig gemacht, wie Wulf an zwei Krankengeschichten von „Triebtätern“ zu zeigen suchte. Die von den Medien propagierte verurteilende Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber diesen Tätern habe sich sehr negativ auf die Behandlung von psychisch kranken Straftätern ausgewirkt. Der Referent sprach sogar von einer „omnipotenter Sicherheitsmanie“ der Öffentlichkeit, die sich auch auf Ärzte in den Krankenhäusern als Angst vor den Medien ausgewirkt habe. Sogar durch psychoanalytische Diagnostik selbst, so der Referent, würden die Patienten um ihre Würde gebracht. Dieser allgemeinen Angst seien auch Juristen gefolgt, indem sie „Lockerungsprozesse“ erschwerten. Es würden heute elementare Menschenrechte wie freie Bewegung und Kontakte zu Angehörigen und damit die Würde signifikant verletzt. Jeder habe jedoch einen „Anspruch darauf, dass ein Mindestmaß an Handlungsfähigkeit gelassen“ werde. Das sei in den von ihm geschilderten zwei Fällen nicht berücksichtigt, klagte Erich Wulf. Es sei nach seiner Wahrnehmung ein Zeichen für die Mentalität der Therapeuten in dem von ihm beobachteten festen Haus einer Klinik, dass man dort verbieten oder gewähren kann, ob der Patient „eigenen Glieder ausstrecken, die Hände und Füße gebrauchen, eigene Schritte gehen oder die eigene Muttersprache sprechen“ dürfe. „Ausnahme oder Regel?“ fragte der Referent am Schluss Dass man Sterbenden die Würde nähme, weil man Angst habe, ihnen zu begegnen und also die Gemeinschaft entziehe, war der Kern der Wahrnehmungen im Referat der Psychologin Daniela Tausch (Bremen), Mitbegründerin der Hospizbewegung in Deutschland. “Würdiges Sterben in heutiger Zeit?!“ so der Titel ihres Vortrags. Besser würde der Titel lauten: „Sterben und Tod einen würdigen Raum geben.“ Als Motto über ihren Vortrag könnte man die von ihr am Ende zitierten Verse von Hilde Domin setzen: „Jeder der geht/belehrt uns ein wenig/ über uns selber./Kostbarster Unterricht/an den Sterbebetten.“ Menschliches Leben sei bedingungslos und nicht abhängig vom Nutzwert (Frankl), das eben sei Würde „bis zum letzten Atemzug“. Nicht die Qualität, der Zustand, die Art des Sterbens sei Gegenstand der Würde, sondern eher unser Leben mit den Sterbenden und ob wir eine Atmosphäre schaffen, in der wir Würde für den Sterbenden bereiten. Warum das so wichtig sei? Weil unsere Gesellschaft den Tod ausklammere oder sogar tabuisiere, denn kaum jemand habe einen sterbenden Menschen gesehen, begleitet oder gar gewaschen. Nicht hinsehen, damit man selber nicht vom Tod geholt wird, das sei eine Art moderner magischer Haltung zum Sterben anderer. Deshalb entziehe man den Sterbenden die Gemeinschaft, und damit nähmen wir ihnen und uns die Würde. Durch das frühe Erlebnis des Sterbens ihrer eigenen Mutter hätten sich ihre eigenen Lebensängste vermindert, bekannte die Bremer Psychologin. Auf eine eingängige Formel gebracht: „Ich werde sterben und das überlebe ich auch.“ Es reiche bei der Sterbegleitung als Person in seinem So-Sein da zu sein, einfach so. Sterbebegleitung sei aber auch eine soziale Herausforderung. Und es sei Glück, einen Menschen zu tragen in seiner ganzen Gebrechlichkeit, wie man auch selber getragen werde. Deshalb sei es wichtig, Angehörige zu stützen. In Österreich gebe es sogar ein Karenzgesetz, das Angehörigen ermöglicht, Sterbende zu begleiten. Eine weitere Herausforderung sei gute Ausbildung in der Palliativmedizin, gerade auch als Prüfungsfach. Psychologie und Seelsorge sei bisher kaum im Palliativgesetz verankert. Die Referentin mahnte in diesem Zusammenhang ein Gesetz zur Patientenverfügung an. Ärzte seien gesetzlich zu wenig geschützt. Es solle jedem frei gestellt sein, ob er eine Patientenverfügung (in Kombination mit Vorsorgevollmacht) haben wolle. Maßgeblich sei immer der mutmaßliche Wille des Patienten.
Allerdings brauchten wir kein Gesetz zur aktiven Sterbehilfe. Die Kontrolle versage, wie Beispiele in Holland zeigten. Ihr mache das Gesetz Angst, zumal es in der Gefahr sei, sich mit ökonomischen Motiven zu vermischen. Wenn eine Gesellschaft kein Interesse mehr an ihren Kranken habe, steige der moralische Druck, dass diese Lebenszeit keinen Wert mehr besitze. Die Hospizbewegung mit ihrem „Du bis wichtig, weil du bist“, setze andere Akzente. Warum, so fragte die Referentin, werde beim Sterben so wenig über einen „guten Weg der Autonomie und Selbstbestimmung gesprochen, nämlich aufzuhören zu essen und zu trinken“, eine Weisheit des Körpers selbst, der man sich überlassen könne. Sterbekunst sei also zugleich Lebenskunst als Einsicht in die Endlichkeit und als Reifezeit. Praktisch wären Sterbe - und Lebensmeditation bei Seelsorgerinnen und Therapeutinnen und Therapeuten Hilfen, sich mit dem Sterben intensiver auseinanderzusetzen. „Was fürchtest du den letzten Tag“, zitierte sie Montaigne, „er trägt nicht mehr zu deinem Tod bei als alle anderen.“
Freilich lasse sich unser Leistungsprinzip nicht auf das Sterben anwenden. Jeder sterbe seinen eigenen Tod. Sterbebegleitung hieße, diesem Sterben mit Würde zu begegnen. Auch Kinder könne man mit Sterben und Tod befreunden. Die Holzschnitte der christlichen Tradition hätten einst Sterbekunst beinhaltet. Das lasse sich heute nicht einfach übernehmen, zumal viel Angst und Furcht dabei gewesen sei. Aber man lebe im reflektierten Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit mehr die Gegenwart, man wage mehr und man lasse leichter los. Trauer, also, so fasste sie überraschend zusammen, sei alles in allem ein Prozess der Heilung. Eingesprungen war innerhalb von vier Wochen die Biologin und Philosophin Sigrid Graumann (Berlin), Mitglied der Enquetekommission Ethik und Medizin im deutschen Bundestag. Ihr Thema: „Würde und Behinderung. Kultur der Anerkennung. Die ethische Problematik der pränatalen Diagnostik“. So folgte dem Vortrag über Würde am Ende des Lebens, dies Referat über Würde am Anfang des Lebens. Dabei konzentrierte sich die Referentin auf die „Pränatale Diagnostik“, die sie in ihrer herrschenden Praxis rundheraus als Verweigerung von Menschenwürde analysierte. Sie kam zu diesem sehr kritischen Schluss über ihre Wahrnehmung von „Achtung“ in den verschiedenen Beziehungsebenen der Kinder als bedürftige, auf Recht angewiesene und uns von anderen unterscheidende Menschen. Behinderte selber, so die Referentin, wollen, dass Behinderung eine zu ihnen gehörige Eigenart, aber kein Makel sei. Gleichwohl löse gegenwärtig die Begegnung mit Behinderten bei vielen Irritationen und zum Teil beschämende Reaktionen aus, wie sie an zwei autobiographischen Schriften Behinderter deutlich machte. In diesem Klima spiele die Pränatale Diagnostik gegenwärtig eine besonders fatale Rolle.
Ihre These zur Geschichte und Wirkung dieser Diagnoseart: Die Praxis der Pränatalen Diagnostik, auf alle Schwangeren inzwischen ausgedehnt, erweise sich als „gesellschaftlicher Selektionskonsens“. Es bestehe ein still schweigender gesellschaftlicher Konsens, dass die Geburt von Behinderten zu vermeiden sei und dass Eltern ein Recht darauf hätten, gesunde Kinder zu bekommen. Aber Menschenwürde, als Freiheit zum moralischen Handeln, unterscheide uns von der übrigen Natur. Sie sei ein Wert an sich und lasse sich nicht instrumentalisieren. Der ethische Konflikt entstehe zwischen dem Recht auf Leben des ungeborenen Kindes, dem Recht der Selbstbestimmung der Frau und die Verengung der Frage auf persönliche Einzelentscheidungen. Meist unbeachtet sei, dass auf werdende Mütter ein ungeheurer Druck ausgeübt werde. Sigrid Graumann suchte sich dieser ethischen Problematik über den Begriff „Anerkennung“ zu nähern. Denn es gebe nun einmal sehr verschiedene Ebenen von Anerkennung in zwischenmenschlichen Beziehungen: Ich bin bedürftig, habe Rechte und ich unterscheide mich in meinen Eigenschaften und Fähigkeiten von Anderen (Anerkennung von Unterschieden). Weil die Anerkennung von Bedürftigkeit nicht „erzwungen werden“ kann, hätten Kinder Rechte, sie sind „Subjekte von Rechten“. Diese Anerkennung erwarten Menschen wechselseitig voneinander. Gefährdet sei solche rechtliche Anerkennung im späteren Leben durch Ausgrenzung und als Erfahrung, dass man missachtet wird in seinen Rechten und dass man auf Grund einer Behinderung sozial weniger Wertschätzung erfahre. Sigrid Graumanns kritische These: Die Pränatale Diagnostik verweigere in ihrer heutigen Praxis dieses Anerkennung auf allen drei Ebenen. Sie knüpfe die Entscheidung, ein Kind anzunehmen, an Bedingungen. Das betreffe nicht nur die Verlässlichkeit persönlicher, sondern auch gesellschaftlicher Sorgebeziehungen. Überdies mache es der erwähnte „Selektionskonsens“ der Gesellschaft den einzelnen Frauen unmöglich, eine selbst verantwortete autonome Entscheidung zu treffen. Schließlich versage man die Achtung dann, wenn das „Kind auf einen diagnostizierbaren Defekt reduziert“ werde. Der gesamte kleine Mensch mit seinen besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten gehe dabei verloren. „Ich finde am auffälligsten, wie Frauen, die gerade eine Pränatale Diagnostik durchgemacht haben, über das Kind sprechen im Vergleich zu Eltern, die mit einem geborenen Kind der gleichen Behinderung leben.“ In ihren Berichten sie die Behinderung nur ein Aspekt des Kindes, während sich bei den zuerst erwähnten Frauen alles auf die Behinderung reduziere. Schlussfolgerung des Referates: Die drei Anerkennungsebenen hängen eng zusammen. Man dürfe die Pränatale Diagnostik nicht reduzieren auf die Selbstbestimmung der Frau. Das sei nur ein Aspekt. Man dürfe auch nicht die Verantwortung den schwangeren Frauen allein aufbürden. Die Leitfrage über die Gestaltung pränataler Diagnostik müsse bleiben: Ist Praxis der pränatalen Diagnostik menschenwürdig? Dies Referat antwortete mit einem eindeutigen „Nein“. Abschließend kam der Philosoph Peter Nickl (Hannover) mit seinem paradox formulierten Titel zu Wort: „Würde des Unglaubens oder sind Heiden die bessern Christen?“ Seine Antwort vorweggenommen: Ja, weil sie nicht einfach glauben, sondern glauben zu glauben. Es gebe also eine Würde des Unglaubens, die mit der Sicht des Glaubens „nahezu verschmilzt“. Es sei eine Binsenweisheit, dass die westliche Gesellschaft nicht mehr christlich sei, selbst wenn einige im „Meer des Heidentums“ auf der Insel der Kirche in einer Art Rückzug ausharrten. Man könne gar nicht ausmachen, so Nickl, wer Christ sei und wer nicht. Christ sein sei unsichtbar. Vielleicht sei „Glaube“ ein Kriterium. Freilich Glaube nicht als ein für wahr Halten bestimmter Sätze, ausgedrückt durch sonntäglichen Kirchenbesuch. Glaube sei „Teilnahme des Herzens, auf Zukunft ausgerichtet im Bewusstsein, diese Zukunft nicht machen zu können, aber sich die einzusetzen. Glaube, so rekon struierte der Philosoph einige neutestamentliche Geschichten, sei eine „Sache des reinen Herzens und der Hingabe, des Bedürfens nicht des Intellektes, nicht eine Form defizienter Wahrnehmung“. Glaube sei, wie Nickl an der johanneischen Thomasgeschichte zu zeigen suchte, eine Art Hingabe.
So gäbe es Tatsachen, bei deren Hervorbringung der Glaube mitgewirkt habe. Das beeinflusse auch das Verhältnis zur Zukunft, von der man ja auch nichts weiß. Man könne „nur“ an sie glauben. Es gebe zudem im Neuen Testament eine Tendenz, das Heidnische aufzuwerten, weil dort die scheinbar Ungläubigen (Sünder und Zöllner) mehr Glauben haben als die vermeintlich Gläubigen (Schriftgelehrte). Diese Aufwertung des Heidnischen fand der Philosoph wieder beim dänischen Philosophen Sören Kierkegaard. Der habe wahrgenommen, dass es nicht nur ein außer-, sondern auch ein innerchristliches Heidentum gebe. Das außerchristliche Heidentum aber stehe dem Christentum näher als das innerchristliche. Für Kierkegaard gäbe es überhaupt keine äußerliche Manifestation des Christentums. Christentum sei wesentlich Innerlichkeit. Man könne auch sagen: das Christentum sei wesentlich unsichtbar; weder Kathedralen, noch in prächtige Talare gekleidete Pastoren, noch das Zelebrieren von Kindertaufen sei ein untrügliches Zeichen für Christentum. Ja, das Äußere könne der Innerlichkeit sogar sehr gefährlich werden. Spitzensatz von Kierkegaard: Taufe sei kein „göttlicher Regierungspass für die Ewigkeit“. Konsequenz für Nickl mit Kierkegaard: Die Christenheit habe das Christentum abgeschafft, ohne es selber richtig zu merken; folglich müsse man, wenn man etwas ausrichten will, versuchen, das Christentum wieder in die Christenheit einzuführen. Wie solche neue Würde der Religion in Zukunft aussehen könne? Es werde kein Etikett mehr sein, meinte der Referent. Und es könne sich „unter der Schale des außerchristlichen Heidentums verbergen“. Christ zu sein heiße demnach nicht, sich selbst als Christen zu bezeichnen und andere als Heiden, sondern annehmen, dass die Gnade Christi in anderen wirksam ist, selbst wenn diese „Moslems, Buddhisten oder Atheisten“ seien. Der Philosoph schloss fast predigtartig: „Sage nicht, du seist Christ; tritt bescheiden als Heide auf, setze bei den anderen das Christ sein (nicht das offizielle, sondern die innerliche Teilhabe an der Gnade Christi) voraus. Dadurch kannst du beitragen, in ihnen die Gnade wirksam werden zu lassen. Kümmere dich nicht um die Gnade im eigenen Herzen – du kannst sie sowieso nicht sehen. Begnüge dich mit einem stellvertretenden Christentum, das sich äußerlich vom Heidentum nicht unterscheidet. Denn nicht du bist es, der darüber zu befinden hat, wer Christ und wer Heide ist. Schaffe dein Heil in äußerlicher Ununterschiedenheit, im Inkognito des Heidentums, und setze voraus, dass die anderen nicht ohne die Gnade Christi sind.“ Wolfgang Teichert
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