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Tagung 2009


Liebe Freunde und Freundinnen,
liebe Mitglieder unserer Gesellschaft,

für das Jahr 2010 wünsche ich Ihnen allen im Namen des Vorstandes, der Wissenschaftlichen Leitung und der Geschäftsleitung gute Erfahrungen und Zuversicht. Ich möchte Ihnen herzlich danken: durch Ihr Interesse und Ihr Mittragen kann unsere Gesellschaft die Lebendigkeit und die gute Atmosphäre haben, die immer wieder vermerkt wird, und die uns besonders beim Rückblick auf 60 Jahre IGT deutlich wurde.

Besonders danken möchte ich all jenen, die aktiv die Tagung mitgestaltet haben. Unsere letztjährige Herbsttagung zum Thema

WEISHEIT UND WISSEN
- interdisziplinär -

hat mit rund 708 TeilnehmerInnen grosses Interesse und Anklang gefunden. Zum ersten Mal an einer Tagung der IGT teilgenommen haben 115 TeilnehmerInnen im Alter zwischen 40 und 55. Das freut uns sehr, zeigt das doch, dass es uns immer wieder gelingt, neu Menschen anzusprechen.

Unser Thema war spannend, praktisch und blieb doch immer auch etwas geheimnisvoll. Weisheit ist praktisch und geht in die Zukunft: es geht um weises Handeln, um weise Entscheidungen, weise Entschlüsse; um meisterhafte Lösungen bedeutsamer, schwieriger Lebensprobleme. Ob diese Lösungen meisterhaft oder töricht sind, zeigt erst die Zukunft. Wo wir weise handeln oder uns weise verhalten, da sind wir in Übereinstimmung mit dem Sinn einer Situation. Was braucht es, um weise handeln zu können? Worüber ist man sich in etwa einig? Wissen, Faktenwissen, aber auch Erfahrungswissen:

Wissen darüber, wie es im Leben so etwa zu und her geht; bewusst erinnerte Lebenserfahrung, die auch im Austausch mit anderen Menschen sich anreichert, sind unabdingbar. Es braucht weiter einen gelassenen Umgang mit Unsicherheit, so dass die Balance zwischen den Gegensätzen gewährleistet ist, und scheinbar nicht Verbindbares doch miteinander verbunden werden kann. Es braucht Mitgefühl und eine tiefe Liebe zu anderen und zum Leben als Ganzem, aber auch die Akzeptanz dessen, was einfach sein muss – als existentiellste Form davon die Akzeptanz von Tod und von Veränderung. Es braucht kreative Vorstellungskraft und die Nutzung der Intuition, wir brauchen unsere kognitiven, affektiven und reflexiven Fähigkeiten. All das braucht es, und doch ist Weisheit mehr, eben auch geheimnisvoll.

Die Vortragenden versuchten jeweils auf ihre Weise und aus ihrer Wissenschaft heraus, das Thema zu konkretisieren, aufzuzeigen, wie sie jeweils Wissen und Weisheit verstehen. Deutlich wurde: ohne Wissen und ohne Weisheit geht es nicht, wenn wir bedeutende existentielle Herausforderungen und deren Meisterung im Blick haben. Ein grosser Reichtum an Erfahrungen, Gedanken, Ideen wurden an dieser Tagung miteinander geteilt, nicht zuletzt auch in den vielfältigen Angeboten am Nachmittag, wo die meisten etwas finden konnten, was ihren Bedürfnissen entsprach.

Wir freuen uns darauf, viele von Ihnen auf der nächsten Tagung

vom 31. Okt. – 4. Nov. 2010 zum Thema

ÜBERGÄNGE – KRISEN – VISIONEN

in Lindau wieder zu sehen.

Ihre Verena Kast


Weisheit und Wissen -interdisziplinär-

Warum „Weisheit und Wissen“ auf der Tagung der IGT, die seit 60
Jahren auf ihren Tagungen vor allem therapeutische, psychologische
und heilende Fragen zu klären pflegt? Bereits C. G. Jung
hatte an seine Berufskolleginnen und –kollegen geschrieben: „Ich
bin mir bewusst, dass die meisten Menschen glauben, alles zu
wissen, was man über Psychologie wissen kann, denn sie meinen,
Psychologie sei nichts anderes, als was sie von sich selbst wissen.
Psychologie ist aber beträchtlich mehr.“ Dieser Satz Jungs gilt
auch gerade heute, zumal in einer „Wissensgesellschaft“, die, wie
Verena Kast in der Einladung geschrieben hatte, „Wissen als
Grundlage für soziales, politisches und therapeutisches Wissen“
verstehe. Das Thema werde dringlich dann, wenn „Wissen“ selbst
zum Problem geworden und wenn Weisheit als „integrative Fähigkeit
des Menschen zur Zusammenschau“ (Kast) eher selten
anzutreffen sei. Weisheit ließ sich auf dieser Tagung nicht endgültig
definieren, aber es gab das immer wiederkehrende Bild auf
dieser Tagung, dass Weisheit als leise rufende Stimme an der Tür
stehe.

Dies Bild kam vom Eröffnungsredner, einem „weisen Mann“,
Theodor Seifert aus Stuttgart. Er bekannte - als seine Frau zu
Beginn des Vortrags seinen Gehstock vom Pult nahm: er habe den
Stock sowieso nicht benutzen wollen. Weisheit lasse sich nicht
definieren oder gar mit dem Stock einbläuen. Sein Thema: Spuren
der Weisheit war im Programmheft aus Versehen zu „Spüren der
Weisheit“ geworden. Das sei ein guter Fehler gewesen, so der
Referent, es habe ihn von der Statik der Spuren zur Dynamik des
Spürens gebracht. Und so schenkte er der Tagung jenes Anfangs
erwähnte Bild. Weisheit dränge sich nicht auf, sie sei wie ein
Kompass. Wörtlich: „Weisheit steht, vielleicht an die Tür des
Bewusstseins gelehnt, als rufe sie leise und immer wieder: Lass
mich doch rein, ich warte hier auf dich. Du brauchst doch nur zu
kommen!“ Weisheit als ein Geschenk „der Seele“, ein „Fenster im
Raum absoluten Wissens“.

Wissenschaftliche Überlegungen könnten dann zu dieser Art
Weisheit hinführen, wenn man den Alltagsverstand ein wenig in
den Hintergrund treten lasse und so die Teile voller Mitgefühl sehe,
weil man das Ganze erahne. Man könne über Weisheit nicht
verfügen, eher verfüge sie über uns. Denn sie geschehe, wie
Seifert an Zitaten aus dem Tao Te King des Laotse deutlich
machte, im Zwischenraum der Erlebniswelt als Offenheit gegenüber
der wahren Komplexität des Lebens. Weisheit sei Stifterin
von verschiedensten Zwischenräumen, wo Raum und Zeit zusammenfallen,
wo Stille herrsche, wo Leere sei. Die übliche Einteilung
der Welt in oben und unten entfalle bei ihr. Sie sei im „Zwischen“,
eine Art Fließgleichgewicht, eine jeder Zeit spürbare archetypische
Dimension.

Die christliche Mystik (Johannes vom Kreuz) habe daraus dann
stufige Wege gemacht: Weisheit als Aufstieg. Leere bedeute Raum
ohne Grenzen und so stelle sich Weisheit dar in ihrer Dialektik aus
persönlicher Bezogenheit - und damit notwendiger Begrenzung -
und (in jungscher Terminologie) Bezogensein auf Unendliches. Für
das persönliche Leben heiße das, Weisheit sei der Raum der
Freiheit, in dem alle Möglichkeiten, Hoffnungen, Träume Platz
hätten. Darum sei Weisheit, wie auch Kinderbücher zeigen (Poo,
der Bär), eine unaufdringliche Begleiterin in der persönlichen
Beziehung; sie könne einen sogar führen, wenn man auf die innere
Stimme achte. Allerdings setze Weisheit, so fuhr der Referent fort,
„lebendiges Wissen aus gelebter Erfahrung“ voraus und entspreche
damit der Arbeitsweise des Gehirns, das auch erst wahrnehme,
nach Erinnerung suche, auf Gefahren hin prüfe, um dann
entsprechend zu handeln: „Bausteine der Weisheit“!

Die nachfolgende Würdigung einer sechzigjährigen Geschichte der
Internationalen Gesellschaft mit Ingrid Riedel, Hinderk Emrich,
Verena Kast, der wissenschaftlichen Leitung und die Erinnerungen
zweier Paare, die diese Tagung fast seit Anbeginn besucht
haben, machte deutlich, wie wichtig verschiedene Perspektiven
und Blicke über den eigenen Gartenzaum von Psychologie und
Seelsorge sind. Es brauche eine „Differenzverträglichkeit“ zwischen
den verschiedenen Systemen der Gesellschaft. Man arbeite
ständig daran, Außen- und Innenwelt miteinander zu verbinden
und in Beziehung zu setzen, kurz: Man wolle eine Psychologie mit
Seele betreiben, die sich an die Möglichkeiten und heilenden Ressourcen
von Menschen wende, die aus verschiedenen Berufen und
Hintergründen zu dieser Tagung reisen. Die Themen hätten neben
persönlicher meist auch (oft erst später zu entdeckende) öffentliche
Relevanz gehabt. Das sollte so bleiben, betonte Verena Kast.

Der abendliche Film nach einer kleinen Geschichte von Thomas
Mann (Die vertauschten Köpfe) von Katja Pratschke (Berlin) im
Gespräch mit Hinderk Emrich stellte noch einmal verschärft die
Frage nach Suche und Wissen der eigenen Identität, wenn der
„Kopf eines anderen auf dem eigenen Körper sitzt“? In aufeinander
folgenden Photographien (so dass die Zuschauer gleichsam die
Interpretationsarbeit leisten mussten) wurde eine Dreiecksgeschichte
inszeniert, für die es keinen Stillstand und wohl auch
keine Lösung gibt. Die Zuschauenden fragten allerdings, ob der
Schluss (Tod) wirklich weise gewesen sei. Die Antwort von Hinderk
Emrich: „Ich könnte mir ein anderes Ende vorstellen“. So also
waren wieder die Zuschauer gefragt.

Es folgte am Montag der Vortrag von Dr. Annegret Stopczyk –
Pfundstein (Philosophin aus Stuttgart), Begründerin der
„Leibphilosophie“, mit einer sehr eigenen Spurensuche und
Rekonstruktion der weiblichen „Sophia“. Ihr Ziel: Eine Philo-Sophia
zu entwickeln als Liebe zur Weisheit. Und die Weisheit sei eine
Erkenntnisweise, die sich aus der Lebenserfahrung bezieht. Wenn
in der zumeist abstrakten akademischen Philosophie gefordert
werde, möglichst von der subjektiven Lebenserfahrung abzusehen
um das Leben möglichst aus der Ferne zu kommentieren, dann sei
das eher „Philo-Logie“, eine Liebe zur Begriffslehre. Wir sollten
Bücherwissen lieben und unser Lebenswissen nicht als solches
erkennen.
Bis hinein in kurzweilige Vortragweise entwickelte sie
ihre Rekonstruktion mit, wie sie sagt, gehirngerechten Methoden
der Wort-Spür-Kontemplation ins eigenleibliche Philosophieren.
Darum nahm die Vortragende die Lindauer Zuhörerinnen und
Zuhörer mit auf ihre Entdeckungsreise ins antike Griechenland.
Rekonstruktion griechischer Vorzeit sei auch angesichts gegenwärtiger
Globalisierung und Klimaprobleme aktuell, auch wenn die
alte „griechische“ Denkformen zunächst als fremd erscheinen
mögen: „Wir müssen intelligenter werden, um unsere globalen
Aufgaben zu lösen“.

In der Antike trennten sich zwei verschiedene Erkenntniswege,
führte sie aus, der Weg der Sophia und der Weg des Logos. Der
„Sophiaweg“ als Bilderwelt sei schließlich aufgehoben in den
Logosweg. Aber Athena, als Göttin der Weisheit, als Kopfgeburt
des Zeus könne nicht das Weisheitsbild des Anfangs gewesen
sein; kriegerisch mit Helm und Speer. Wo dann suchen jenseits
der Athena? Die Referentin sei schließlich bei ihrer Rekonstruktion
der Sophia – vor zwei Wochen – auf einem Bild fündig geworden,
für das, was „hinter der Athena“ stehe. Auf einem Bild mit Zeus
und Athena habe sie unter dem Stuhl eine gekrümmte Frau, die
wahre Mutter Athenas (?) entdeckt. Ihr Name: Methis. Das sei die
wahre Göttin der Weisheit, eine Tochter des Wassers.
Da unser Hirn plastizibel sei, könne man den logosorientierten
Denkformen und philologischen Philosophieformen andere, von
dieser Sophia beeinflussten Formen an die Seite stellen (die
Referentin lies ihre rechtshändigen Zuhörerinnen und Zuhörer
einfach mit der linken Hand schreiben, um den Unterschied zu
zeigen. „Sapphisches Schreiben“ nennt sie das). Jede Erkenntnisweise
sei ein „eigenleiblicher Zustand“, den wir erzeugen
könnten und darum anders denken und leben. Das unterscheidet
sie übrigens nicht von anderen Leibphilosophen der Gegenwart
(Schmitz und Böhme). Aber, so betonte sie, neue weibliche Philosophie
müsse konstruiert werden als „Phila-Sophie“, eine Denkform
zwischen Weisheit und Vernunft, ein Dazwischen, das in der
Lage sei hin und her zu springen. Ihr Vortrag war in Methode und
Inhalt, so ein interessanter Impuls.

Kurzfristig eingesprungen für die erkrankte Frankfurter Pädagogin
Donata Elschenbroich war der Bielefelder Pädagoge Harm
Paschen mit seinem Vortrag „Alternativen zur Besserwisserei.
Qualitäten des Alterswissens“. Wenn die Wissensgesellschaft
den Rahmen unserer Lebenswelt bilde, dann sei es wichtig zu
fragen, welches Wissen wir vom Wissen haben und vor allem
welche humane Qualität unser Wissen haben müsste, um Zukunft
zu haben. Es gehe also um Vergewisserung. Am Beispiel der
Bewerbung eines Studenten mit E-Mail, so ein Beispiel, zeigte der
Referent, dass viele Jüngere heute glaubten, man könne sich
bewerben und Kontakt herstellen mit diesem elektronischen
Medium. Lebenserfahrung jedoch, so Harm Paschen, wisse, dass
es besser ist, selber sich auf zu machen, leiblich anwesend und
von Angesicht zu Angesicht vorstellig zu werden. Alterswissen sei
also Biographie geprüft, sei, wie die Etymologie nahe lege, er6
wachsenes Wissen, sei, wie der vorangegangene Vortrag gezeigt
habe, (Stichwort Anwesenheit) körperliches Wissen. Mit diesem
„Wissen“ könne man Wissensbestände integrieren, die bisher nicht
zu unseren Wissensformen gezählt hätten: „Wissen aller Arten, von
jeder Menge, Güte und Zusammensetzung“: Implizites oder nicht
ausgesprochenes Wissen, Kunst (als präsentische statt allein
diskursiver Darstellung von Gefühlen, speziell durch Musik), Körperwissen
(embodiment), aber auch Meinungen, Erinnerungen, alles
also, was wir können, müssen, sollen, dürfen, mögen. Das sei erwachsenes
Wissen oder gewachsenes Wissen, wie Verena Kast in
der Diskussion vorgeschlagen hat. Es sei biografisch geprüft, es
bedenke alle möglichen Aspekte (denke an Schicksal und Folgen);
es sei auf das Wesentliche und Einfache gerichtet, Krisen – und
Sturm erprobt. Es kenne gelassen die Wege aus den Talsohlen
und es kenne seine Grenzen. Es sei daher bescheiden, human und
integer.
Zusammengefasst sei es ein Wissen um Verletzlichkeit, Hinfälligkeit
von Menschen, Prozessen, Intentionen, um die Fragilität
von Menschen, Zuständen, Verhältnissen, aber auch ihre manchmal
nicht mehr erträgliche Härte, um falsches oder wirkliches,
selbst erlebtes, erfahrenes Wissen. Dies Wissen habe einen Bezug
zur Weisheit, indem es unser bisheriges gelerntes Wissen umkehre
zum gelebten Wissen: „Nicht ich finde etwas, es ist ein Einfall, der
mich sucht und beauftragt.“ Um es zu vermitteln brauche man, wie
der Redner am Beispiel eines fiktiven Gesprächs zweier ungeborener
Zwillinge im Mutterbauch zum Schluss verdeutlichte, drei
persönliche Qualitäten: Mut, nämlich Demut, Furcht, nämlich Ehrfurcht
und Selbstlosigkeit, nämlich Verabschiedung des Egoismus.
Diese drei Qualitäten machten empfänglich, „so dass Einfälle, Ideen,
Bilder, Gestalten, Strukturen sich einfinden, weil sie erwartet,
freundlich empfangen, bewirtet und wirksam werden, so dass
sogar ängstliche, tabuisierte, verfemte unter ihnen es wagen, zu
kommen“.

Martin Heisenberg, Ordinarius für Genetik aus Würzburg,
machte mit seinem Referat „Von Natur aus frei“ deutlich, dass der
Wissenserwerb im Gehirn auch bei einfachen biologischen Systemen
wie der Fliege (als ein „situativ angepasster Modellorganismus“)
auf Spontaneität beruhe. Wenn sein Vortrag auch ein
„merkwürdiges Format“ habe und er seit 40 Jahren über Fliegen
forsche, so habe er doch daraus weitreichende Folgen auch für die
Menschen ziehen können: Das Gehirn habe nämlich nicht nur beim
Menschen, sondern eben auch bei der Fliege „initiale Aktivität“:
„Was wird, steht noch nicht fest.“ Freiheit sei also keine Illusion,
wenn auch vieles für Determinismus spreche, aber eben nicht für
einen durchgängigen Determinismus (wie bereits die Quantenphysik
mit der Entdeckung des objektiven Zufalls herausgefunden
habe). Kant habe gesagt: „Frei handelt, wer von sich aus tut, was
getan werden muss“. Totale Willkür sei keine Freiheit. Tiere, wie
die Fliege, würden wir zwar nicht für ihr Tun und Lassen verantwortlich
machen, aber deren Gehirnprozesse würden so etwas wie
Freiheit zulassen, denn deren Gehirn verhalte sich frei, soweit ihr
Verhalten aus eigenem Antrieb entspringe und dabei angepasst
sei. Das meint Heisenberg mit „initiale Aktivität“. Die Fliege entwickle
so etwas wie eigene Ideen unter Mitwirkung des Zufalls.
Diese Funktion des Zufalls sei auch die Grundlage menschlicher
Freiheit: „Selbstbestimmung als Gegensatz zur Fremdbestimmung
muss notwendigerweise ein Element des Zufalls enthalten, weil es
zur Determination keine Alternative als den Zufall gibt“. Die Zukunft
des Verhaltens sei offen, weil es den objektiven Zufall gibt, der sich
in das Gehirn verlagert habe. Auch Fliegen könnten „operant“
sich verhalten und assoziativ lernen. Die Fliegen brauchen
Verhaltensfreiheit, damit ihr Verhalten angepasst ist. Der Zufall
müsse ebenso sorgfältig organisiert sein, wie in einem Spielkasino.
Zusammengefasst: Das Verhalten könne frei sein. Freies Verhalten
sei selbst bestimmt. Es werde hervorgebracht durch das Zusammenwirken
von Gesetzmäßigkeiten und Zufällen, wenn man
die möglichen Folgen der Verhaltensoptionen abschätze. Diese
Fähigkeit habe sich in der Naturgeschichte der Tiere entwickelt und
gehe bis zu den Einzellern zurück.
Kant habe die Freiheit bei den Menschen bestehen lassen. Die
Verhaltensbiologie bestätige seinen Satz: Frei handelt, wer von sich
aus tut, was getan werden muss. Das gelte für Tier und Mensch.
Wir seien die Urheber unseres Verhaltens und dies Verhalten sei zu
allermeist adaptiv.

Dass es eine empirische psychologische Weisheitsforschung gibt
(Paul Baltes), war bekannt. Weniger bekannt war die interessante
Variante von Judith Glück (Klagenfurt) in ihrem Vortrag „Die
Entwicklung von Weisheit im wirklichen Leben: Ideen und
Grenzen psychologischer Weisheitsforschung“. Bisher habe
sich die psychologische Weisheitsforschung vor allem damit
befasst, wie Weisheit möglichst klar zu definieren und vielleicht
auch zu messen ist - zu beiden Themen gebe es nach wie vor sehr
unterschiedliche Auffassungen. Manche Definitionen von Weisheit
fokussierten auf den kognitiv-wissensbezogenen Bereich, andere
betonen die Bedeutung von Emotionen und Werten. Wie sich
Weisheit eigentlich entwickelt und wie weise Menschen mit konkreten
Lebensproblemen umgehen, wie es also im „wirklichen
Leben“ ist, sei bisher wenig oder gar nicht untersucht worden.
Ihr Vortrag frage 1. danach, was Weisheit sei, dann, ob man
Weisheit messen könne (Teil 2) und 3. wie man weise werde. Jeder
habe bereits ein Vorverständnis, wie jener Grundschüler, der
meinte, weise Menschen seien „nett, ehrlich und rätselhaft“.
Menschen würden die Weisheit immer der Lebenserfahrung zuordnen
(kognitive Variante), weise Menschen könnten sich in andere
Menschen hineinversetzen und sich selbstkritisch sehen
(reflexive Komponente) und schließlich gebe es noch eine affektive
Komponente: Sie wüßten gut mit eigenen und fremden Emotionen
um zu gehen und zu regulieren. Aber die Forschung könne sich
nicht auf eine Definition einigen, weil die einen eben die kognitive
Seite (Weisheit sei eine besondere Art von Wissen), die anderen
mehr die emotionale Seite (Weisheit sei eine Persönlichkeitseigenschaft)
bevorzugen. Beide jedoch wollten Weisheit (Teil 2)
gerne messen. Wenn man Weisheit als Persönlichkeitseigenschaft
verstehe, dann sei die Frage: Wie kann man Persönlichkeit messen?
Wenn man mehr zur Wissensseite neige, werde man sich
Wissenstest anschauen. Manche bewerten Erfahrungswissen mit
„Weisheitsaufgaben“, andere verwenden Fragebögen zur Selbstbeurteilung.
Weisheit lasse sich vielleicht näher bestimmen, wenn
man Lebensentscheidungen, Reaktionen auf negative Ereignisse
und Lebensführungsstrategien berücksichtige: „Wer glaube, dass
sich Weisheit in konkreten Situationen des realen Lebens manifestiert,
die etwas mit einer langen Beziehungsgeschichte, mit
emotionaler Belastung und mit Beziehungen zwischen Personen
zu tun haben.“
Deshalb ihre dritte Frage: Wie wird man weise? Optimal wäre, so
führte die Referentin am Beispiel vieler Einzelexperimente aus, die
teilnehmende Beobachtung in realen schwierigen Lebenssituationen
(„wirkliches Leben“), was im Labor eben nicht gehe. „Wir
fragen nach prägenden Ereignissen aus dem Leben und wie damit
umgegangen wurde“. Die Arbeitshypothese sei, dass weise Menschen
sich in der Auseinandersetzung mit solchen Situationen
positiv weiterentwickeln. Weise Menschen hätten nicht unbedingt
andere Erlebnisse gehabt als andere, aber sie hätten sich besonders
intensiv mit Problemen auseinander gesetzt und aus ihnen
gelernt. Für diese positive Weisheitsentwicklung gebe es einige
Voraussetzungen und Ressourcen: Offenheit für neue Perspektiven
und Erfahrungen, nachdenkliche Einstellungen, sich selbst
und Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven sehen zu können
und schließlich die Fähigkeit und Bereitschaft, die Gefühle anderer
und die eigenen wahrzunehmen und zu empfinden, Fähigkeit zu
wachsen und Selbstvertrauen zu haben, ohne alles kontrollieren zu
können: „Wir wissen heute, dass man sich über die gesamte
Lebensspanne weiterentwickelt. Weder wird im Elternhaus alles
entschieden noch sind weise Menschen nur Ältere.“
Es gebe eine neue Wertschätzung der Weisheit in der Theologie
betonte Elisabeth Moltmann-Wendel (Tübingen) in ihrem Vortrag
„Die Wiederkehr der Weisheit in der Theologie.“ Und diese
Wiederkehr habe zur Veränderung des Menschen- und Gottesbildes
in der Theologie, aber eben auch in der Wissenschaft geführt.
So habe bereits vor 40 Jahren der Theologe Gerhard von
Rad der Weisheit im Alten Testament eine Studie gewidmet.
Weisheit sei dort eine ordnende und liebende Weltvernunft, in der
auch eine andere weise Gottes Gestalt anzunehmen begann, nicht
mehr nur geprägt durch Sünde und Gnade. Sie sehe den Menschen
eingebettet in die Schöpfung: „Welch ein Heimatgefühl des
Menschen in der Welt“, habe der alte Theologe ausgerufen.
Die Referentin betonte: „Nicht mehr Propheten verkünden diese
Botschaft, sondern weise Lehrer. Nicht mehr Erlösung, sondern
Heil und Heilung ist ihr Inhalt.“
Nicht mehr der zerrissene, sondern der auf Klugheit und Balance
ausgerichtete Mensch sei das neue Bild dieser Weisheit. Historisch
allerdings sei solch Weisheitswissen erst nach dem Exil in den
israelitischen Kontext geraten. Dort dann aber mit entscheidenden
Akzenten: Die Weisheit in Israel sei keine Göttin mehr, sondern
Mensch geblieben, Schwester oder Tochter, wenngleich an den
Anfang der Schöpfung gesetzt.
Am Beispiel der Sintflutgeschichte, der Josephsgeschichte (Die
Weisheit sei mit Joseph in die Grube gestiegen), an Freundschaftsbildern
und an der Betonung der Selbstverantwortung der
Menschen, schließlich an der erotischen Sprache zeige sich: Unter
dem Schirm einer fröhlich spielenden, liebenden, herum vagabundierenden
Weisheit sei im Alten Testament ein spiritueller Lebensraum
entstanden, „der auch heute noch attraktiv für jene sei,
die der traditionellen theologischen Lehre überdrüssig geworden
seien“.
Selbst im Messias Jesus hätten urchristliche Gruppen in Spuren
die Sophia wieder erkannt, obwohl am Anfang des Johannesevangeliums
der Logos stehe. In der Taufe Jesu tauchten mit der
Erwähnung der Taube (ursprünglich ein Bild für die orientalische
Liebesgöttin) spirituell erotische Konnotationen auf. Auch in den
Mahlzeiten Jesu mit Brot und Wein zeige sich die sinnliche Grundierung
durch die Sophia, weil diese Elemente sinnlich beglückende
Bedeutung hätten. Die feministische Theologie habe den Schwerpunkt
der Weisheit dann mehr gesehen in ihrer Unabhängigkeit
und Weisheit als Rat gebende Frau. („Durch mich regieren die
Könige…“). Betonung der Geschlechtergerechtigkeit und neues
Bezogensein als weisheitliche Weltsicht der Vernetzung sei in den
Vordergrund getreten.
Die Weisheit habe, so zitierte die Referentin die Schweizer Theologin
Sylvia Schroer, „die Transzendenz mit dem Weiblichen, Gott
mit der menschlichen Erfahrung, die Theologie mit dem Alltag, die
Lehrerin mit der Lehre, die Schöpferin mit dem Schöpfungsprinzip“
verbunden. Überhaupt werde hier nicht so sehr in Abstraktionen,
Hierarchien oder Abhängigkeiten, sondern in Beziehungen und
Relationen gedacht. Gott selbst sei eine „Macht in Beziehung“. In
der Weisheitstheologie bekämen unmittelbare Wahrnehmungen
und Erfahrungen wieder ihren Raum. Die Weisheit reduziere Liebe
nicht mehr auf Caritas. Liebe bekomme, in der Nähe der Weisheit
etwas Lustvolles. Eros, lange aus der Theologie verbannt, kehre
wieder zurück, vielleicht müsse man das Christentum sowieso aus
einem Erosimpuls heraus verstehen. Und selbst für die Wissenschaft
könne man weisheitlich die Bedeutung des liebenden Eros
gar nicht unterschätzen (Evelyn Fox Keller).“ Wenn wir von einem
weiten Raum unseres Erfassens ausgehen, schließe sich von
vornherein die Enge eines „kaltköpfigen Verstandes“ (Hermann
Timm) aus. Weisheit und Wissen müssten dann keine Gegensätze
mehr sein, sondern sie seien unterschiedliche Wege zur Erschließung
der Welt.

Auf den Vortrag der wissenschaftlichen Theologin folgten meditative
Thesen des katholischen Paters und Zen-Meisters Niklaus
Brantschen, Begründer und langjähriger Leiter des Lassalle-
Hauses in Bad Schönbrunn (Schweiz): In seinem Vortrag „Die
Kultur der Stille ist der Anfang der Weisheit. Plädoyer für einen
meditativen Lebensstil“ gab er – frei sprechend – einige sehr
einfache Hinweise für die persönliche Lebenspraxis, die einen
weisheitlichen Lebensstil begünstigen würden. Sein erster Satz
also: “Einen meditativen Lebensstil pflegen und weise werden“,
heiße im Leibe leben und eine Beziehung zu sich selber haben.
Das sei zunächst nichts Erhabenes, sondern ganz einfach, so der
Referent in launiger Sprache. Er lies seine Zuhörerinnen und Zuhörer
aufstehen. Und dann begann er mit dem Wort „stehen“ zu
spielen. Auf die Frage: Wie geht’s? Gebe es die Antwort: „Wie ich
gehe, so geht es mir“, so würden wir auch Verstehen verstehen.
Man könne, wenn man gut stehe, auch für etwas einstehen, es
durchstehen und überstehen, bodenständig und anständig! Man
könne „das Leben schmecken“, von lateinisch sapere und sapientia
(Weisheit), „auf der Zunge zergehen lassen“ und sehen wie das
Leben schmeckt. Fast food Liebhaber würden es schwer haben
mit der Weisheit. Sein zweiter Satz laute, dass wir weisheitlich
lebten, wenn wir Beziehung haben zu Umwelt, Kultur und anderen
Menschen in Solidarität.
Im Anschluss an Papst Gregor (gestorben 604) sagte Brantschen:
Der Mensch sei mit allem verbunden, weil er von allem etwas in
sich trage: Er habe mit dem Stein das Sein, mit der Pflanze das
Leben, mit den Tieren die Fähigkeit zu fühlen mit den geistigen
Wesen den Geist gemeinsam. Unsere mentale, emotionale und
spirituelle Intelligenz und die Erfahrung von Einheit, Verschiedenheit
und Einzigartigkeit zeige, dass all unser Handeln verbunden
sei, auf den großen und wie auf den kleinen Ebenen. Darum bedeute,
einen spirituellen Lebensstil pflegen, dass man mehr sehe
und seine Existenz offen halten könne „auf ein größeres Ganzes“
hin. Offenheit zum Beispiel zur Transzendenz sei nicht zu haben
ohne „Stille und Einkehr“. So wie jede Musik aus der Stille geboren
werde, die einem die Wörter aus der Hand schlage, gelte es,
eigene oder fremde Kulturen der Stille zu entdecken. Die meditativen
Formen des stillen Sitzens und Atmens würden heute durch
fremde Kulturen, etwa im Zen, wieder entdeckt. Sie seien aber
auch in der eigenen Tradition vergleichbar mit den Mönchsvätern
der Ostkirche. Deren Motto sei gewesen: Das Unkörperliche im
Körperlichen einfangen. Das sei Pflege einer Kultur der Stille, wie
in Bergengruens Gedichtvers: Wir sind des Fingerzeigens, der
plumpen Worte satt,/wir woll’n den Klang/des Schweigens,/das
uns erschaffen hat. Gewalt/und Gier und Wille/Der Lärmenden
zerschellt/O komm, Gewalt der Stille/Und wandle du die Welt.
Endlich führe ein weisheitlich–spiritueller Lebensstil dazu, Zeit zu
haben. Mit Zeit haben meine er, so der Referent, weniger die gemessene,
wohl aber die uns zugemessene Zeit. Man kenne zwar
Augustins Klage, dass er - befragt, was Zeit sei, - es nicht wisse,
aber seine Klage aus dem 11. Buch der Bekenntnisse, wann denn
endlich der „unablässige Fluss der Gedanken“ zum Stillstand käme,
und er eine Art Ewigkeit verspüre, sei weniger bekannt. Zeit sei
also der erfüllte Augenblick, in dem wir - ganz in der Zeit stehend -
frei von Hetze und Hast zu leben und zu wirken vermöchten.
Schließlich gehöre Humor zu einem weisen und spirituellen Lebensstil,
Humor als die Fähigkeit, Distanz zu haben zum eigenen
Tun und Lassen, ein Grund zu lachen. „Über Humor“, so der Referent weiter, „rede ich nicht, den habe ich“. Als letzten Rat gab er,
dass wir Gegensätze aushalten und lernten glücklich zu sein auch
dann, wenn wir kein Glück hätten. Hinter diesem paradoxen Satz
verberge sich die weisheitliche Lebenserfahrung und ein Blick für
das Ganze, das auch Schmerz im Leben weiter bringen könne,
besonders dann, wenn wir zurückschauen. Man brauche dazu
Disziplin, Konzentration ein sich immer wieder Sammeln, Geduld
und die Überzeugung, dass das Leben wichtig sei: „Es gibt kein
Instantverfahren für den Weg nach innen, der zugleich der Weg
nach außen ist.“

Der letzte Tag brachte noch einmal an den Tag, dass diese
Gesellschaft keineswegs berührungsscheu ist. Sie hatte Hubertus
von Grünberg (Hannover) zum Gespräch mit Hinderk Emrich
eingeladen. Bereits Verena Kast’s Moderation kündigte an, dass
mit von Grünberg, Verwaltungsratspräsident des schweizerischen
Industriekonzerns ABB, kein typischer Vertreter der Teppich –
Etagen – Fraktion auftreten sollte. Er wurde befragt zum Thema:
Wissen und Weisheit in der Weltwirtschaftskrise. Schon äußerlich
wurde deutlich, dass er keinen Wert auf präsidiale Grandezza,
auf Doppelmanschetten und Armani-Krawatten lege. Auf die
Frage, ob es zu wenig Wissen oder gar Weisheit in der jüngsten
Weltwirtschaftskrise gegeben habe, antwortete er: Es sei von allem
zu wenig gewesen. Man sei nicht bereit gewesen, aus Erkenntnis
heraus konsequent zu handeln. Es habe bewusste Entscheidungen
gegeben, die die Krise beschleunigt haben, (z.B. die Hypothekengesetzgebung
in den USA). Hinderk Emrich legte nach mit der
Frage: Ob es gegenwärtig ein eklatantes Missverhältnis zwischen
Realwirtschaft und Wirtschaftsspekulation im Sinn der Finanzwirtschaft
gebe? In Goethes Faust sei es Pluto, der Geld beleihe
von Anlagen, deren Inhalt man nicht kenne (Bergwerke). Das sei
ein gutes Beispiel für heute, so von Grünberg, weil der Bündelungsweg
der Kredite - immer, weitere Verbriefung bis hin zu acht
neun Stationen, - nicht mehr zurück zu verfolgen gewesen ist. Er
selber gehöre zu dieser „Kaste“ der Manager. Er sei zwar Realwirtschaftler,
indem er Autos entwickle und herstelle. Aber die Weltwirtschaft
sei ein Gesamtsystem. Sie brauche die Zusammenarbeit
von Real- und Finanzwirtschaft, schon deswegen, um eine Übersetzung
von kurzfristigen in langfristige Anlagen leisten zu können.
Die Industrie braucht – anders als der Privatanleger – langfristige
Anlagemöglichkeiten. Er nehme die Krise, in der „wir jetzt mittendrin“
seien, als Chance, die Betriebe, wie er sagte, zu „restrukturieren“.
„Strukturoptimierung“ nennt das von Grünberg. Außer
diesen internen Möglichkeiten, gebe es zum Beispiel auch zukünftig
vermehrt Abnahmechancen aus Ländern wie China (China
laufe „sehr heiß“). Der Unternehmer allerdings treffe seine Entscheidungen
- schon wegen des hohen Tempos und der Zeitknappheit
- mit nur 80% Wissen. Der Rest sei Intuition. Da er seine
„Mitspieler“ und seine Mitarbeiter aber kenne und da er Erfahrung
habe mit der Managementressource, sei dieser Schritt vom Wissen
zum Handeln nicht so sehr risikoreich, vor allem dann nicht,
wenn man schnell aus sich abzeichnenden Fehlern gemeinsam
lerne und sich gegenseitig im Betrieb die Wahrheit sage. Dann
habe man genug „Gegenschlagreserve“, wenn etwas Kritisches
passiert. Das sei praktisches Werterleben. Dass man allerdings in
den oberen Etagen zu häufig nur um des Spitzenverdienstes
arbeite, sei „suboptimal“, auch für den Erfolg eines Unternehmens.
Man müsse „Spaß haben an der Schaffung von etwas Erfolgreichem,
fast wie in einem künstlerischen Werk, nicht nur mit der
Schaffung von Profit.“ Mit dem Zugewinn der Erkenntnisse der
Kybernetik und der Rechner könne man sehr gut „Feindaufklärung“
und „Risikofrüherkennung“ leisten. Man könne aber mit
Wissenschaft nichts gut machen, so führte von Grünberg am Beispiel
Irlands aus, was mit menschlicher Unzulänglichkeit schlecht
gemacht werde. Gefragt nach seinem doch eher kriegerischen
Vokabular wie „Gegenschlagreserve“ und „Feindaufklärung“,
antwortete von Grünberg, dass es – um erfolgreich zu sein – einen
„Killerinstinkt“ brauche: „Wir stehen so im Feuer“, so wörtlich,
„dass die eine oder andere Seele es nicht aushält“. Der „gute
Mensch“, würde scheitern, wie er am Beispiel eines engen
Freundes zeigte, den er hatte entlassen müssen. Der „Gütige“ sei
nicht der Obsiegende. Er habe bei dieser Entlassung, „unter der
Härte gelitten wie ein Hund“. Aber im Interesse der Rettung der
Firma habe er so handeln müssen, argumentierte der Wirtschaftler,
schon fast in Anklang an die griechische Tragödie. Er müsse für
sich „in Einsatz bringen“, so von Grünberg indirekt zu seinem
Menschenbild, dass die ursprünglichen Motive der menschlichen
Natur Besitzenwollen und Besserseinwollen seien. Verena Kast
wird später, bei ihrer Zusammenfassung der Tagung, vom „Blick in
eine andere Welt“ sprechen.

Ob Medien Weisheit vermitteln, ob es gar eine Medienreligion gebe,
wie die aussehe und was man davon zu halten habe, wollte die
Theologin und Journalistin Johanna Haberer (Erlangen) in ihrem
Abschlussvortrag „Die Weisheit der Medien oder was ist eine
Medienreligion“ heraus finden. Sie gab einige Annährungen an
ihre Begriffe: Weisheit sei nach jüdisch christlicher Tradition eine
Art verdichteter Lebens- und Welterfahrung. Weisheit sei der
Versuch, Spruchregeln zu nennen für gelingendes Leben. Sie wolle
sich, so Johanna Haberer, beim Begriff Medien als globale Verlängerung
menschlicher Handlung, vor allem konzentrieren auf die
mittels Medientechnik vermittelten Inhalte und ihre Dramatik, als
einer Möglichkeit, das Leben zu deuten und ihm Bedeutsamkeit zu
geben. Religion schließlich sei, so die Soziologie, die grundsätzliche
Fähigkeit der Menschen, ihr Leben ständig in eine andere
Wirklichkeit zu transzendieren. Medien hätten eine zunehmend
religiöse Funktion im Leben der Menschen. Denn Zuschauerinnen
und Zuschauer deuteten ihr Leben nach dem, was sie in Film und
Fernsehen gesehen hätten. Medien seien Teil des Alltags und
zugleich überhöhten sie ihn, „ganz ohne Jenseitsperspektive“. Und
das täten sie vor allem nach einem bestimmten Muster, das aus
der Jungschen Psychologie besonders durch Joseph Campbells
Untersuchungen zum Heldenmythos, bekannt sei. Viele Filmgeschichten
folgten meist dem mythischen Modell der Abenteuerfahrt als Grundmuster und als allgemeine Menschheitsdramaturgie,
wie die Referentin an vielen Stationen dieses Mythos und
an filmischen Beispielen deutlich zu machen suchte.
Und sie frage am Schluss ihres Referats kritisch, ob es auch noch
andere Geschichten als die von Kampf, Krieg und Heldenmythos
mit „Killerinstinkt“ zu erzählen gebe? Mit Christoph Türcke und
dessen These, dass Kultur nur dort entstehe, wo die Seele sozusagen
nachsitzt und sich Zeit nehme, die eigenen Träume und
Erfahrungen zu verarbeiten, kritisierte sie, dass wir unsere Träume
zu sehr nach außen verlegten und sie uns von den vielen Medienbildern
liefern ließen: „Wo kein Nachsitzen der Seele, dort gibt
es keine Hoffnung“, konstatierte die Referentin. Die alte Religion
habe gegenüber der geschilderten synthetischen Medienreligion
den Vorteil, dass sie der Seele Gelegenheit gebe zu eben diesem
„Nachsitzen“. Sie propagiere zum Beispiel den Sabbat, als ruhende
Distanz zu den Stürmen der Alltagsbilder, das jüdische
Bilderverbot sei als ein Rettungsversuch unserer inneren Bilder vor
den äußeren zu verstehen. Und wo, schloss sie fragend, bleibe bei
allem Erfolgsdenken die Weisheit des Scheiterns? Die Erfahrung
der alten Religion bedeute eben auch Konfrontation mit eigener
Ohnmacht und Schwachheit. Das Kreuz sei eben, wie Paulus sagt,
nur für eine mediale Weltsicht eine Torheit, für ihn sei es die wahre
Weisheit.

Wolfgang Teichert

NACHRUF

Am 31. Oktober 2009 ist unser langjähriges Mitglied, Mitglied
im Vorstand und jahrelanger wissenschaftlicher Leiter der IGT,

Prof. Dr. Peter Michael Pflüger

plötzlich mitten in einem reich gefüllten Leben gestorben.
Peter Michael Pflüger war Jungscher Analytiker, Lehranalytiker
und ein sehr engagierter Therapeut und insbesondere in seinen
Lehranalysen und analytischen Selbsterfahrungsgruppen ein
unermüdlicher Lehrer, Gestalter und sehr genauer, tiefgründiger
Aufklärer und unerschrockener Helfer und Freund. Von ihm ging
und geht noch immer eine enorme Strahlkraft aus von
Menschenliebe, Unkonventionalität und Wahrhaftigkeit.
Wir trauern um ihn in stillem Angedenken.
Für den Vorstand der IGT
Prof. Dr. Dr. Hinderk M. Emrich


Wilhelm Bitter - Preis

Die Internationale Gesellschaft für Tiefenpsychologie schreibt
erneut den Wilhelm Bitter-Preis aus und verleiht einen Preis für
eine wissenschaftliche oder künstlerische Arbeit, diesesmal mit
dem Thema:

Identitätsprobleme im Hinblick auf
Übergänge - Krisen - Visionen

1. Preis Euro 1.200,00
2. Preis Euro    600,00
3. Preis Euro    300,00

Teilnahmeberechtigt: Interessierte bis zu 35 Jahren
Umfang der Arbeit: für schriftliche Arbeiten: 15-25
Seiten
(maximal 6000 Wörter)

Abgabetermin: Ende Juli 2010

Einzusenden an: in dreifacher Ausfertigung (auch Videos)

Internationale Gesellschaft für Tiefenpsychologie e.V.
Postfach 1147, D- 73201 Plochingen

Der Hauptpreisträger oder die Hauptpreisträgerin hat die
Gelegenheit und die Verpflichtung, über seine/ihre Studie
auf der Arbeitstagung der IGT vom 31.10.- bis 04.11.2010 in Lindau zu referieren.

Für den Vorstand der
I G T
Prof. Dr. Verena Kast


ANKÜNDIGUNG DER ARBEITSTAGUNG 2010

vorläufiges Leitthema: ÜBERGÄNGE - KRISEN - VISIONEN

Datum: Sonntag, 31.Oktober 2010 bis Donnerstag, 04. November 2010
Tagungsort: Lindau / Bodensee
Inselhalle, Zwanzigerstraße

Eingeladene: Ärztinnen/Ärzte, Psychotherapeutinnen/ Psychotherapeuten,
Psychologinnen/Psychologen,
Pfarrerinnen/ Pfarrer,Pädagoginnen/Pädagogen,
Juristinnen/ Juristen, Sozialarbeiterinnen /Sozialarbeiter,
alle im Heilberuf Tätige, alle die beruflich
mit Menschen arbeiten.

Das endgültige Programm mit allen Einzelheiten nebst Anmeldeformular
kommt im Juni /Juli 2010 zum Versand und kann bei
unserer Geschäftsstelle: Postfach 1147, D-73201 Plochingen oder
per e-mail: info@igt-plochingen.de, kostenlos angefordert werden.

Sofern Sie diese Ankündigung unter Ihrer eigenen Adresse erhalten
haben oder wenn Sie Mitglied bei uns sind, erhalten Sie das
Programm ohne weitere Anforderung zugesandt.

Unser Tagungsband 2008 ist erschienen:

„Würde - eine psychologische und soziale Herausforderung“

mit einem Vorwort von Verena Kast und Beiträgen von:
Sigrid Graumann, Wilfried Härle, Monika Hauser, Franz-Xaver
Kaufmann, Thomas Kieselbach, Peter Nickl, Luise Reddemann,
Ingrid Riedel, Daniela Tausch, Sigrid Tschöpe-Scheffler und Erich
Wulff.
Erschienen im Patmos-Verlag 262 Seiten, broschiert,
ISBN 9-783491-421264.

Der Band kann über jede Buchhandlung bezogen werden.

Unseren Tagungsband 2009: „WEISHEIT UND WISSEN - interdisziplinär“,
Herausgeber: Christiane Neuen, Brigitte Dorst und Wolfgang
Teichert können Sie bei der Buchhandlung: Akademische Buchhandlung
Christine Bauer, Nymphenburgerstr. 48, 80335 München,
vorbestellen.

Unsere Mitglieder erhalten den Tagungsband kostenlos.
Die Vorträge unserer Tagung 2009 können außerdem als CD oder
DVD über die Firma: Auditorium Netzwerk, Hebelstr. 47, 79379
Müllheim / Baden, Tel.: 07631-938690, Fax: 07631-9386929,
e-mail: info@auditorium-netzwerk.de bezogen werden.


Tagungstermin 2011:
30. Oktober bis 03. November 2011 in Lindau/Bodensee

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