websitetemplate.org
Home > Tagungsbände > Tagungsband 2008

Tagungsband 2008



Würde
Eine psychologische und soziale Herausforderung
Mit einem Vorwort von Verena Kast.
Herausgegeben von Brigitte Dorst, Christiane Neuen und Wolfgang Teichert
Patmos Verlag, 262 Seiten, kartoniert
ISBN 978-3-491-42126-4
€ 22,90

Ein menschenwürdiges Leben ist keineswegs selbstverständlich: In vielen Lebensbereichen sowie unter besonderen Lebensumständen können Menschen einen Verlust oder eine Verletzung ihrer Menschenwürde erleiden: bei Arbeitslosigkeit, beim Altern und Sterben, in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung, in der Gewalt gegen Frauen im Krieg. Wie kann die Menschenwürde bewahrt werden? Zu diesem Thema bietet das Buch Beiträge namhafter Autorinnen und Autoren. Ein Band, der die Bedeutung von Würde aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

Inhalt

Vorwort von Verena Kast

7

Luise Reddemann
Würde, ein vergessener Wert in der Psychotherapie?

9

Wilfried Härle
Menschenwürde - was ist das eigentlich?

30

Ingrid Riedel
Würdig altern

49

Monika Hauser
Würdiges Leben - traumatisierte Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten

86

Thomas Kieselbach
Arbeitslosigkeit und das Risiko sozialer Exklusion
Zur Notwendigkeit eines sozialen Geleitschutzes in beruflichen Umbrüchen

109

Franz-Xaver Kaufmann
Globalisierung und Menschenwürde:
Beherrscht die Ökonomie die Zukunft des Menschen?

145

Sigrid Tschöpe-Scheffler
Würde des Kindes - "Wer seid ihr, ihr wunderbares Geheimnis?"
Grundlagen einer Pädagogik der Achtung

166

Erich Wulff
Menschenwürde in der Psychiatrie

182

Daniela Tausch
Würdiges Sterben in heutiger Zeit?!

199

Sigrid Graumann
Würde und Behinderung - Kultur der Anerkennung
Die ethische Problematik der pränatalen Diagnostik

226

Peter Nickl
Würde des Unglaubens - oder:
Sind Heiden die besseren Christen?

238

Anhang
Zitatnachweis
Kurzbiografien

260


Vorwort

Würde: ein sperriger, facettenreicher Begriff. Ist »Würde« heute überhaupt noch ein Thema?

Befragen wir unsere alltäglichen Erfahrungen, dann ist sie es durchaus; meistens wird sie vermisst. Im alltäglichen Erleben wird der Begriff der Würde auch aufgefächert. Wie oft empfinden wir etwas als »unwürdig«, wir fühlen uns in unserem Personsein und in unserer Würde verletzt, fühlen uns nicht geachtet. Oder wir ertappen uns selber bei einem Verhalten, das dem anderen Menschen Achtung und Anerkennung versagt. Die Würde, die wir dem Fremden zugestehen, und das Erleben der eigenen Würde stehen in einer Wechselwirkung: Werden wir ständig gedemütigt, demütigen wir auch andere. Erleben wir dagegen Achtung, Anerkennung als Mensch, aber auch als Mensch mit besonderen Eigenheiten und Fähigkeiten, können wir anderen Menschen diese Anerkennung auch zugestehen. Würde in ihrem umfassenden Kontext also doch ein wichtiges Thema, vielleicht sogar zentral wichtig für das menschliche Miteinander?

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Artikel l, Absatz l, heißt es: »Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.« So will es die Gesellschaft halten: Würde als ein höchster zu schützender Wert. Der Mensch hat als Mensch eine Würde, einen nicht weiter zu begründenden Anspruch auf Achtung. Um diese Würde muss man sich immer weder neu bemühen: sich selber gegenüber, den anderen Menschen gegenüber. Die Würde kann leicht abhanden kommen. Und so kann man sich fragen, ob denn dieser Grundgesetzartikel wirklich ein zentraler Wert in unserer Gesellschaft ist und sein soll oder ob er eine Leerformel ist.

Ausgehend von der Verletzlichkeit und der Schutzbedürftigkeit des Menschen, geht es beim Thema Würde um die Gestaltung eines Lebens, das Würde ermöglicht, geht es um menschenwürdiges Lebens überhaupt, auch dort, wo Menschen scheitern. Ziele des ethischen Ideals Würde sind: die Ermöglichung von Selbsterhaltung, Selbstentfaltung, Selbstentwicklung, Menschenrechten - und zwar für alle. Elend, Unterdrückung, eingeschränkte Freiheit, vermeidbarer und zugefügter Schmerz, Grausamkeit, wie überhaupt alles, was ein Leben in Menschenwürde einschränkt, sind sowohl auf der gesellschaftlichen Ebene als auch im individuellen Erleben schwer erträglich, der Entfaltung hinderlich und bedürfen daher dringend der Veränderung.

Damit ist die Sorge um die Würde auch eine Herausforderung an Therapeuten und Therapeutinnen. Wir wissen heute, dass Menschen sich wohler fühlen, dass sie motivierter sind und sich auch weniger aggressiv verhalten, wenn sie sich wechselseitig anerkennen. Lassen wir es an Achtung vor der Menschenwürde fehlen, wird gerade diese wechselseitige Anerkennung empfindlich gestört. Achtung und Selbstachtung, die Würde ermöglichen, erweisen sich dadurch als grundlegende Voraussetzungen für gelingendes Leben und für gesellschaftliche Veränderungen. Aber auch wir selber sollten unsere eigene Würde nicht gering schätzen: Gelingt es uns, uns selber in unserem Lebensvollzug zu würdigen, dann wird das Leben auch würdig.

Auch wenn heute im Zusammenhang mit Würde vor allem An-fang und Ende des Lebens thematisiert werden - Bioethik, Pflegebedürftigkeit und Sterbehilfe, ist sie ein Thema, das für den ganzen Lebenslauf eine umfassende Bedeutung hat. In den in diesem Buch vorliegenden Vorträgen der interdisziplinären Tagung für Tiefenpsychologie wird das Thema Menschenwürde aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, und gerade dadurch wird so deutlich, dass die Achtung der Menschenwürde zentral wichtig ist.

»Würde« erscheint heute als ein grundlegender ethischer Wert, den wir neu in die Welt stellen müssen, als ein weltanschaulich nicht gebundenes Ideal. Das Gefühl der Würde ist das Basisgefühl für moralisches Handeln. Wir handeln moralisch, weil anders zu handeln unserer unwürdig wäre oder eines Menschen unwürdig wäre.

Powered By CMSimple.dk - Design By tagdance